Ein musikalischer Spaß, KV 522 | Kammermusikführer - Villa Musica Rheinland-Pfalz

Wolfgang Amadeus Mozart

Ein musikalischer Spaß, KV 522

„Ein musikalischer Spaß“
Divertimento F-Dur für Streicher und zwei Hörner, KV 522 („Dorfmusikanten-Sextett“)

Besetzung:

Werkverzeichnisnummer: 1345

Satzbezeichnungen

1. Allegro

2. Menuetto. Maestoso – Trio

3. Adagio cantabile

4. Presto

Erläuterungen

Es muss Mozart diebische Freude bereitet haben, die Stimmen seines „Musikalischen Spaßes“ aufzuschreiben. Ausnahmsweise unterzog sich der Komponist dieser für ihn ansonsten tödlich langweiligen Prozedur höchstselbst, um all das, was er an falschen Noten in seine Partitur geschrieben hatte, auch minutiös richtig in die Stimmen zu übertragen. Ein guter Kopist hätte beim Ausschreiben der Stimmen die scheinbaren „Fehler“ des Komponisten sicher stillschweigend verbessert. Hier aber waren ja gerade die falschen Noten die richtigen.

„Ich muß halt immer einen Narren haben“, gestand Mozart seiner Frau in einem Brief von 1791. Auf drei Arten musikalischer Narren hatte er es in seinem „Musikalischen Spaß“ abgesehen: auf unfähige Komponistenkollegen, auf arrogante Streicher und auf betrunkene Hornisten.

Hauptnarr in dem launigen Werk sind Mozarts weniger begnadete Kollegen. Das Stück scheint von einem Komponisten geschrieben zu sein, dessen melodische Einfälle bescheiden, dessen harmonische Wege abseitig und dessen Formbeherrschung eher rudimentär sind. Welche Mühe es ihn kostet, im Kopfsatz vom Haupt- zum Seitenthema zu kommen, wie sich in der Reprise zweite Geige und Bratsche in Oktaven vor das Hauptthema drängeln, wie banal das Andante daherkommt und wie sich das Finale zweimal in Leerlauf verrennt – all das ist Stilparodie auf höchstem Niveau. Was uns bei einem Kammermusikstück von Mozart selbstverständlich vorkommt – spannungsvoll zusammengesetzte Themen, schöne Melodie zu lebendiger Begleitung, einfallsreiche Überleitungen, harmonisch weitgespannte Steigerungen -, sucht man hier vergebens. Oft genug dürfte Mozart in der misslichen Lage gewesen sein, solcher gar nicht fürstlichen „Kammermusik“ in fürstlichen Kammern andächtig zu lauschen.

Neben den lieben Kollegen ging es ihm noch um zwei andere Vertreter der Spezies Musiker: um aufgeblasene Streicher und Alkolholiker am Naturhorn. Das Salz in der Musiksuppe des 18. Jahrhunderts war „die Kunst des Vortrags“. Streicher und Hornisten gehörten zu jenen Köchen, die sie mit Regelmäßigkeit versalzten. Die beiden Hornisten spielen so, als seien sie betrunken zum Dienst erschienen. Die Hofakten der Mozartzeit wimmeln von Ermahnungen an blasende Kapellmitglieder, sich dem Trunk nicht hemmungslos hinzugeben. Außerdem sitzen die Hornisten den Tücken ihrer Instrumente auf, in dem sie mit der Technik des „Stopfens“, die beim Naturhorn für chromatische Töne unabdingbar war, nicht zurechtkommen.

Die Sünden der Streicher waren andere. Mozart kannte sie aus leidvollen Begegnungen mit aufgeblasenen Konzertmeistern, mit denen er auf seinen Reisen „prima vista“ Kammermusik spielen musste. Seine Briefe enthalten lustvolle Beschreibungen dieser Herren und ihrer „Vortragskunst“, in Noten hat er sie im „Musikalischen Spaß“ verewigt. Sie schloss das eigenmächtige Anbringen von Verzierungen, die sogenannten „willkürlichen Veränderungen“ der Noten ein. Willkürlich waren sie in der Tat, wie man im ersten Satz hört. Dort versteigt sich der zweite Geiger an einer Stelle zu einem Vorschlags-Arpeggio in F-Dur, während sich der Rest des Ensembles in C-Dur bewegt. Harmonische Kenntnisse waren beim Anbringen der Verzierungen durchaus von Vorteil, doch nicht jeder Interpret verfügte darüber. Dem ersten Geiger misslingt am Ende des Kopfsatzes zuerst der Wechsel von der zweiten in die vierte Lage, dann erwischt er statt der achten die neunte Lage. Das Ergebnis sind „con bravura“ erklommene „falsche“ Töne. Man kann sich vorstellen, wie Mozart und seine Freunde beim ersten Durchspielen dieser Stelle vor Lachen förmlich platzten. Sie wussten, auf wessen aufgeblasene „Bravour“ die Stelle abzielte.

Einen solchen „Musikalischen Spaß“ in die Tat umzusetzen, war zu Mozarts Zeit und ist auch heute noch schwerer, als man glauben sollte. Es braucht Spieler, die die falschen Noten richtig spielen können, und das ist an manchen Stellen eben alles andere als einfach. Dort, wo es für den Hörer am meisten „daneben“ klingt, muss es der Spieler am genausten „auf den Punkt“ bringen. So sind etwa die falschen Töne der Hörner im Menuett auf Naturhörnern nur mithilfe des oben angesprochenen „Stopfens“ umzusetzen. Um sie exakt so falsch zu spielen, wie Mozart sie haben wollte, musste man ein Horn-Virtuose sein.

Noch eine weitere Tücke im Musizieren seiner Zeit hat Mozart im „Musikalischen Spaß“ parodiert: die Schreibfehler, die die Kopisten beim Ausschreiben der Stimmen begingen. Man spielte damals vorzugsweise nach handgeschriebenen Stimmen und prima vista, hatte also keine Chance, etwaige Fehler vor der Aufführung zu korrigieren. Erst die Aufführung brachte die Schreibfehler der Kopisten an den Tag. Manche der echten „falschen“ Noten im „Musikalischen Spaß“ sind also unechte Verschreiber – Imitationen der üblichen Schreibfehler. Damit jeder von ihnen auch „richtig“ war, hat der Komponist die Stimmen eigenhändig geschrieben.