Klaviertrio f-Moll, op. 65 | Kammermusikführer - Villa Musica Rheinland-Pfalz

Antonin Dvorák

Klaviertrio f-Moll, op. 65

Trio f-Moll für Klavier, Violine und Violoncello, op. 65

Besetzung:

Werkverzeichnisnummer: 603

Satzbezeichnungen

1. Allegro ma non troppo

2. Allegretto grazioso

3. Poco Adagio

4. Finale. Allegro con brio

Erläuterungen

Obwohl Antonin Dvorák kein begnadeter Klaviervirtuose, sondern von Hause aus Organist und Streicher war, hat er seine Kammermusik mit Klavier doch im Konzertsaal aufgeführt. Mit dem Geiger Ferdinand Lachner und dem Cellisten Alois Neruda (später mit Hanus Wihan, dem Widmungsträger seines Cellokonzerts) bildete er ein festes Klaviertrio, das unter anderem im Oktober 1883 sein f-Moll-Klaviertrio, op. 65, aus der Taufe hob. Das längste und dramatischste seiner vier Klaviertrios ist „in jeder Hinsicht ein Ausnahmewerk, in seinem gespannten und bis fast zum Ende düsteren Ton, seiner Kompliziertheit und nicht zuletzt seiner ungewöhnlichen Ausdehnung auf fast 40 Minuten Spieldauer.“ (Ludwig Finscher)

Die Komposition des f-Moll-Trios nahm Dvorák ungewöhnlich lange – länger als zwei Monate – in Anspruch (für gewöhnlich schloß er ein ganzes Kammermusikwerk in wenigen Tagen ab). Das Werk bezeichnet eine Wende in seiner Stil-entwicklung. Er wandte sich hier von seiner sogenannten „slawischen Phase“ ab und dem großen Vorbild Brahms zu. Die Entwicklung der Themen aus kleinsten Motivbausteinen, die großen dramatischen Steigerungen und der düstere Ton erinnern unmittelbar an bestimmte Kammermusiken von Brahms, etwa an das f-Moll-Klavierquintett oder an die Klavierquartette. Daneben gibt es immer noch deutliche Anklänge an die tschechische Folklore, sie bestimmen aber nicht mehr den Ausdruck der vier Sätze, sondern geben ihnen lediglich eine nationale Färbung.

Der erste Satz beginnt mit dem melancholisch-zarten Hauptthema der beiden Streichinstrumente, das vom Klavier mit einem Forte-Ausbruch beantwortet wird. Alle drei Instrumente spielen danach zusammen im Fortissimo eine Art zweites Hauptthema, das von schroffen Akkorden und einer Achtelfigur bestimmt wird. Die Motive dieser beiden Mollthemen durchziehen den gesamten Satz in immer neuen Varianten. Durch ihre Dominanz und die ständigen „Anläufe“ zu neuen Steigerungen wirkt der Satz ausgesprochen düster-dramatisch, bis sich in der Reprise ein jubelnder volksmusikalischer Hymnus durchzusetzen scheint. Gegen Ende freilich überlagern die melancholischen Schatten des Hauptthemas den Jubel und münden in eine wild-bewegte, düster-tragische Coda.

Auch das Scherzo, hier an zweiter Stelle stehend, verharrt in Moll, allerdings in dem von der Grundtonart denkbar weit entfernten cis-Moll. Über zart bebenden Streicherakkorden stimmt das Klavier in Oktaven ein slawisch angehauchtes Thema an, dessen Ornamente und unregelmäßige Tanzschritte einem bäuerlichen Tanzboden zu entstammen scheinen. Die Streicher greifen den skurrilen Tanz auf, begleitet von gespenstischen Trillern des Klaviers. Das Trio in Des-Dur wirkt zwar sonniger und vornehmer, eine Art zartes Impromptu, doch auch über dieses heitere Stimmungsbild ziehen dunkle Mollschatten hinweg. Besonders reizvoll ist die Rückleitung aus dem Trio in die Wiederholung des Scherzos, eine Stelle von geradezu moderner Synkopenrhythmik.

Das Adagio in As-Dur reiht, wie so oft bei Dvorák eine schöne Melodie an die andere. Wie auf einer Perlenschnur aufgereiht hören wir zuerst einen wehmütigen, anfangs stockenden Klagegesang des Cellos, den die Violine aufgreift; dann eine Volksmelodie der beiden Streicher, die das Klavier variierend übernimmt; schließlich einen pathetischen Marsch der drei Instrumente (gis-Moll) und ein gesangliches Violinthema in höchster Lage, dessen schluchzende Süßigkeit vom Cello kontrapunktiert wird. Dazwischen klingt immer wieder das seufzende Kopfmotiv des Anfangs an. Im zweiten Teil werden die Themen klanglich opulent gesteigert und münden in einen versöhnlichen Schluss.

Das Finale trägt tänzerische Züge – sein Rondothema erinnert an den Furiant, einen von Dvoráks Lieblingstänzen aus dem Fundus tschechischer Volksmusik. Allerdings bleibt der düstere Moll-Ton zunächst bestimmend (verstärkt durch deutliche Anklänge an Brahms‘ c-Moll-Klavierquartett). Erst allmählich und in langer Steigerung wird der Durchbruch nach Dur erreicht, der klassische Zielpunkt eines jeden romantischen Mollwerkes.