Brandenburgisches Konzert Nr.4 G-Dur, BWV 1049 | Kammermusikführer - Villa Musica Rheinland-Pfalz

Johann Sebastian Bach

Brandenburgisches Konzert Nr.4 G-Dur, BWV 1049

Brandenburgisches Konzert Nr.4 G-Dur, BWV 1049

Besetzung:

Werkverzeichnisnummer: 60

Satzbezeichnungen

1. Allegro

2. Andante

3. Presto

Erläuterungen

„PLUSIEURS INSTRUMENTS“, also mehrere Streich- und Blasinstrumente im Concertino zu kombinieren, war eine Spezialität der deutschen Komponisten, und dies war auch Bachs erklärte Absicht, als er seine sechs Brandenburgischen Konzerte schrieb. Keine zwei dieser Stücke zeigen die gleiche Besetzung: jedes kombiniert die Instrumente, die in einer fürstlichen Hofkapelle um 1720 vorhanden waren, zu einer neuen, oftmals gewagten klanglichen Einheit. Markgraf Christian Ludwig von Brandenburg, dem Bach diese Konzerte 1721 widmete, verfügte sehr wohl über die Instrumentalisten, um diesen – technisch ungeheuer anspruchsvollen – Zyklus aufzuführen.

IM VIERTEN KONZERT werden zwei Blockflöten und eine Violine als Concertino den Tutti-Streichern gegenübergestellt. Die Kombination weckt pastorale Assoziationen, was Bach wohl beabsichtigte. Denn man kann den gesamten Zyklus der Brandenburgischen Konzerte auch als Programm-Musik im Sinne des „Nacht“-Konzerts von Vivaldi verstehen. Im vierten Konzert deuten die Tuttimotive des ersten Satzes sowie der konsequente Wechsel zwischen den Soli der Blockflöten und den „Auftritten“ der Solovioline auf die theatralische Darstellung eines musikalischen Wettstreits hin. Es handelt sich um die von Ovid erzählte und von Bach 1729 in einem Dramma per musica vertonte antike Geschichte von dem Streit zwischen Phoebus und Pan.
Der Hirtengott Pan fordert den Musengott Phoebus Apoll zum musikalischen Wettstreit heraus und unterliegt. Im Flötenpaar des Konzerts kann man die antike Flöte des Hirtengotts wiedererkennen, in der Solovioline die ungleich virtuosere Leier des Apoll. Im Mittelsatz, einem Air im französischen Stil, hat Bach die Flöten als „Fiauti d’echo“ bezeichnet, was mit ihrem echoartigen Einsatz zusammenhängt. Es war aber auch Pan, der die Nymphe Echo deshalb in das akustische Echo verwandelt haben soll, weil er vergeblich um ihre Liebe geworben hatte. Auch diese Episode aus den „Metamorphosen“ des Ovid könnte man aus dem Konzert heraushören. Im Schlußsatz hört man dann eine von allen einträchtig vorgetragene Fuge, unterbrochen von einem der virtuosesten Geigensoli des gesamten Barockzeitalters.

2005
CONCERTO IV

Bach liebte es, einem Hauptsolisten im Concerto ein Paar Sekundanten zur Seite zu stellen. Das 4. Brandenburgische Konzert wäre ein klassisches Violinkonzert, mischten sich nicht von vornherein zwei Blockflöten ein – und zwar sowohl ins Tutti als auch in die Soloepisoden. Immer wieder pochen sie auf ihr Recht und verstricken sich schon gleich zu Beginn mit den Tuttistreichern in lebhafte, um nicht zu sagen störrisch erregte Diskussionen. Auch die raumgreifenden Soli der Geige werden von ihnen unterbrochen und munter drauflos-parlierend kommentiert. Blockflöten waren für Bach Instrumente der pastoralen Welt (man denke an Texte wie Schafe können sicher weiden, Er rufet seinen Schafen mit Namen), und so befinden wir uns auch hier im pastoralen Milieu, das an antike Mythen erinnert, etwa an den Wettstreit zwischen Phoebus (Violine) und Pan (Flöten) oder an die Geschichte von Echo und Narziss. Bach nannte die Blockflöten in diesem Konzert „Echoflöten“.

Burlesk und rustikal wirken denn auch die beiden Hauptmotive des ersten Satzes: zwei simple gebrochene Dreiklänge in G und D, auf die ein gleichsam hinkendes Terzmotiv folgt. Mithilfe thematischer Arbeit und der großen Da-Capo-Form entwickelte Bach aus dieser lakonischen Keimzelle einen Satz von mehr als 400 Takten. An die lebhaften Diskussionen des A-Teils schließen sich im Mittelteil große Geigensoli und reiche Modulationen an. Ein Orgelpunkt auf h kurz vor dem Da Capo bezeichnet den Höhepunkt des Concertare.

Im Mittelsatz machen die Blockflöten ihrem Namen „Echoflöten“ alle Ehre: nur von der Geige gestützt, wiederholen sie jeweils treulich, was ihnen das Tutti zuwirft. Es ist ein melancholisches e-Moll-Andante aus lauter klagenden Sekunden in Zweierbindungen. Bach entlehnte den schläfrig-verhangenen Ausdruck dieses Satzes den Schlafszenen in Lullys Opern, den damals berühmten Sommeils. Gegen Schluss reißt die erste Flöte mit einem Lauf die schläfrige Stimmung auf und lenkt zum Fugenfinale über. Angeführt von der Bratsche, wandert eines der prachtvollsten Fugenthemen Bachs durch die Stimmen. Während es in den Tuttiteilen einer fast orgelmäßig gründlichen Ausarbeitung unterzogen wird, verwandelt es sich in den Soloabschnitten in ein duftiges Flötenduo, umspielt von Geigenarabesken. Letztere verdichten sich im großen e-Moll-Geigensolo zur gefürchteten Bariolagepassage, während der Schluss der Apotheose des Fugen-themas vorbehalten bleibt. Erst wird es enggeführt, dann von kurz abgerissenen Akkorden unterbrochen, schließlich durch eine dreifache Engführung gekrönt.