Kammermusikführer - Villa Musica Rheinland-Pfalz: Nonett

Bohuslav Martinu

Nonett

Nonett für Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott, Horn, Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass, H. 374 (1959)

Besetzung:

Werkverzeichnisnummer: 1199

Satzbezeichnungen

1. Poco Allegro

2. Andante

3. Allegretto

Erläuterungen

2004
Das Nonett, von dem bereits krebskranken Komponisten kurz vor seinem Tod vollendet, gilt als “Martinus kammermusikalisches Vermächtnis”. So nannte es sein französischer Biograph Harry Halbreich, dem wir auch eine subtile Beschreibung des Werkes verdanken: “Wie beim späten Mozart verstecken sich hier tiefstes Gefühl und die Weisheit eines ganzen Lebens hinter der Fassade graziösen Divertissements und lächelnder Reinheit des Ausdrucks. Es ist das ‘tschechischste’ Werk seines Komponisten, nicht nur wegen seiner Bestimmung für tschechische Musiker (siehe unten), sondern auch, weil es in seiner tiefen Nostalgie, die unerfüllte Sehnsucht des totkranken Exilmusikers nach seiner Heimat widerspiegelt. Man kann dieses Werk nicht hoch genug veranschlagen: trotz seiner scheinbaren Bescheidenheit übertrifft es fast alle anderen Werke Martinus an Bedeutung.

Das einleitende Poco Allegro entwirft fast mit der Direktheit eines Smetana das Bild einer fröhlichen Dorfkapelle, die einen kraftvollen Marsch zum Besten gibt. Das Andante ist erschütternd in des Wortes eigentlicher Bedeutung: auf den schönen Traum folgt die harte Realität. An seinem Lebensabend versucht der erschöpfte und kranke Musiker, einem quälenden Leiden ausgeliefert, die Heimat seiner Kindheit wiederzufinden. Doch sogar hier vermeidet Martinu alles Pathos, und das Stück erstirbt in der friedlichen Betrachtung der ewigen Schönheit. Mit kleinen Schritten, fast zögernd, schließt sich das Tanzfinale (Allegretto) an, das von einem Violinsolo eröffnet wird. Das ist ein Dorfspielmann, der seine Landsleute mit einem lebhaften Tanz in Rondoform unterhält. Das rhythmisch intrakte Stück schließt mit einer Hymne auf die “Fluren und Haine von Policka”, dem Heimatdorf Martinus. Welche Poesie in dem zarten Pianissimo des letzten Taktes, als ob das schöne, ideale Bild auf sanfte Weise entschwinden würde.”

Äußerer Anlass für die Komposition des Nonetts war das 35jährige Bestehen des Tschechischen Nonetts, das zu den wichtigsten europäischen Kammerensembles des 20. Jahrhunderts gehörte. 1923 von dem Geiger Emil Leichner gegründet, hatte es sich zum Zeil gesetzt, die Gattung des Nonetts in der von Louis Spohr 1817 begründeten Form zu popularisieren. In 40 Jahren hob das Ensemble 125 Werke von 102 Komponisten aus der Taufe, fast ausschließlich in der klassischen Nonettbesetzung mit Bläserquintett und vier Streichern. Viele der Komponisten kamen aus Tschechien, so Alois Hába, Rudolf Karel, Bohuslav Foerster und eben Bohuslav Martinu. Die Erfolgsgeschichte des Tschechischen Nonetts und seines Repertoires gehört zu den glanzvollsten Kapiteln böhmischer Musikgeschichte überhaupt.

2001
BOHUSLAV MARTINU
Zwei Kammermusikwerke

Die erste Konzerthälfte gehört Bohuslav Martinu, dem produktivsten tschechischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Ganz generell darf man ihn als Vollender der Traditionslinie Smetana-Dvorak-Janacek ansehen, die er im Sinne eines volksnahen Klassizismus aufgriff und mit Tendenzen der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts anreicherte. Im einzelnen ist sein Schaffen jedoch stilistischbreit gefächert, wobei die Kammermusik mit 91 Werken einen prominenten Platz einnimmt. In ihr spiegeln sich die unterschiedlichen Entwicklungsphasen wider, die Martinu vom frühen Experimentieren mit Jazz-Elementen über den französischen Neoklassizismus bis hin zu seinem nostalgischen Spätstil durchlief. Unsere beiden Beispiele, das zweite Nonett von 1959 und das 1929 entstandene Sextett für Klavier und Bläser, gehören in die Spätzeit und in die mittleren Pariser Jahre.

Martinus Entwicklung wird nur vor dem Hintergrund seiner Biographie verständlich, in die die Zeitläufte auf dramatische Weise eingriffen. Der erste entscheidende Schritt aus dem engeren Kreis des Prager Musiklebens heraus war die Übersiedlung nach Paris 1923. Dort suchte er nach eigenem Bekenntnis “weder Debussy noch Impressionismus noch musikalischen Ausdruck, sondern die wahren Grundlagen der westlichen Kultur”. Er war nämlich im gegensatz zu manchem tschechischen Neuerer der Meinung, dass der “eigene nationale Charakter” der Tschechen sehr wohl zum Westen passe. Andererseits war es doch der Charme Frankreichs, der ihn in den Bann zog. Er suchte in Paris “Ordnung, Klarheit, Maß, Geschmack, genauen, empfindsamen, unmittelbaren Ausdruck, kurzum: die Vorzüge der französischen Kunst, die ich stets bewundert habe, und die ich wünschte, inniger kennenzulernen.”

Martinu blieb in Paris, bis der deutsche Einmarsch in Frankreich 1940 dem tschechisch-jüdischen Musiker keine Alternative als die Flucht ließ. Im Juni 1940 floh er vor den Nazis nach Südfrankreich, wo er auf Bahnhöfen übernachtete, dann nach Lissabon, wo seine Emmigration lange am seidenen Faden hing. Im März 1941 kam er schließlich endlich in New York an, unter den “ungünstigsten Umständen” (Yves Lenoir), denn er war mit Bartók, Tansmann und Tailleferre “einer der letzten europäischen Musiker, die sich in den USA niederließen, und er fand nicht mehr dieselben Integrationsbedingungen vor, wie sie noch zu einem früheren Zeitpunkt bestanden. Wenn man Arnold Schönberg, Ernst Toch, Kurt Weill u. a. noch die Tore der wichtigsten Universitäten und Musikhochschulen geöffnet hatte, so mußte sich das Land nun … auf die massenhafte Ankunft von Millionen Einwanderern gefaßt machen, und die finanziellen Kürzungen trafen künstlerische Aktivitäten und universitäre Forschung in besonderem Maße.”

Martinu, der kein Englisch sprach und viele Partituren in Paris hatte zurücklassen müssen, wäre in dieser Situation hilflos gewesen, hätte ihm nicht der Dirigent Koussevitzky den Auftrag zu einer Sinfonie erteilt. Sie wurde ein großer Erfolg, weitere Kompositionsaufträge schlossen sich an. Dennoch blieb Martinus Leben in den USA von ständiger Sehnsucht nach der Heimat begleitet. Auf die Kriegsjahre folgte eine Zeit tiefer Depression, denn das Kommunistische Regime vereitelte seine schon geplante Rückkehr nach Prag. Außerdem beeinträchtrigte ein Unfall sein Nervensystem und Gehör. Unruhige Wanderjahre führten ihn in verschiedene Länder Europas, zuletzt in die Schweiz, wo er im August 1959 starb. “In seinen Kompositionen sehnsuchtsvoll die vermisste Heimat umkreisend” (Michael Walz) war er nicht mehr zur Ruhe gekommen.
Nonett (1959)

Das Nonett, von dem bereits krebskranken Komponisten kurz vor seinem Tod vollendet, gilt als “Martinus kammermusikalisches Vermächtnis”. So nannte es sein französischer Biograph Harry Halbreich, dem wir auch eine subtile Beschreibung des Werkes verdanken: “Wie beim späten Mozart verstecken sich hier tiefstes Gefühl und die Weisheit eines ganzen Lebens hinter der Fassade graziösen Divertissements und lächelnder Reinheit des Ausdrucks. Es ist das ‘tschechischste’ Werk seines Komponisten, nicht nur wegen seiner Bestimmung für tschechische Musiker (siehe unten), sondern auch, weil es in seiner tiefen Nostalgie, die unerfüllte Sehnsucht des totkranken Exilmusikers nach seiner Heimat widerspiegelt. Man kann dieses Werk nicht hoch genug veranschlagen: trotz seiner scheinbaren Bescheidenheit übertrifft es fast alle anderen Werke Martinus an Bedeutung.

Das einleitende Poco Allegro entwirft fast mit der Direktheit eines Smetana das Bild einer fröhlichen Dorfkapelle, die einen kraftvollen Marsch zum Besten gibt. Das Andante ist erschütternd in des Wortes eigentlicher Bedeutung: auf den schönen Traum folgt die harte Realität. An seinem Lebensabend versucht der erschöpfte und kranke Musiker, einem quälenden Leiden ausgeliefert, die Heimat seiner Kindheit wiederzufinden. Doch sogar hier vermeidet Martinu alles Pathos, und das Stück erstirbt in der friedlichen Betrachtung der ewigen Schönheit. Mit kleinen Schritten, fast zögernd, schließt sich das Tanzfinale (Allegretto) an, das von einem Violinsolo eröffnet wird. Das ist ein Dorfspielmann, der seine Landsleute mit einem lebhaften Tanz in Rondoform unterhält. Das rhythmisch intrakte Stück schließt mit einer Hymne auf die “Fluren und Haine von Policka”, dem Heimatdorf Martinus. Welche Poesie in dem zarten Pianissimo des letzten Taktes, als ob das schöne, ideale Bild auf sanfte Weise entschwinden würde.”

Äußerer Anlass für die Komposition des Nonetts war das 35jährige Bestehen des Tschechischen Nonetts, das zu den wichtigsten europäischen Kammerensembles des 20. Jahrhunderts gehörte. 1923 von dem Geiger Emil Leichner gegründet, hatte es sich zum Zeil gesetzt, die Gattung des Nonetts in der von Louis Spohr 1817 begründeten Form zu popularisieren. In 40 Jahren hob das Ensemble 125 Werke von 102 Komponisten aus der Taufe, fast ausschließlich in der klassischen Nonettbesetzung mit Bläserquintett und vier Streichern. Viele der Komponisten kamen aus Tschechien, so Alois Hába, Rudolf Karel, Bohuslav Foerster und eben Bohuslav Martinu. Die Erfolgsgeschichte des Tschechischen Nonetts und seines Repertoires gehört zu den glanzvollsten Kapiteln böhmischer Musikgeschichte überhaupt.