Streichquartett Nr. 5 | Kammermusikführer - Villa Musica Rheinland-Pfalz

Béla Bartók

Streichquartett Nr. 5

Quartett Nr. 5 für zwei Violinen, Viola und Violoncello

Besetzung:

Werkverzeichnisnummer: 141

Satzbezeichnungen

1. Allegro

2. Adagio molto

3. Scherzo

4. Andante

5. Finale. Allegro vivace

Erläuterungen

Im Sommer 1934 komponierte Béla Bartók sein Fünftes Streichquartett. Es war ein Auftragswerk der amerikanischen Mäzenin Elizabeth Sprague-Coolidge, die als Tochter eines Großhändlers in Chicago ein beträchtliches Vermögen geerbt hatte und dieses konsequent für die Förderung zeitgenössischer Kammermusik einsetzte: „Ich fordere nicht, dass wir moderne Musik lieben sollten, noch nicht einmal, dass wir sie unbedingt verstehen müssen, sondern dass wir sie aufführen sollten, weil es sich um ein bedeutendes menschliches Dokument handelt.“ Nach dieser Devise beauftragte die hervorragende Pianistin, die später in Cambridge (Massachusetts) lebte, Komponisten aus aller Herren Länder mit neuen Werken, und zwar in den verschiedensten kammermusikalischen Genres.

Streichquartette ließ sie nicht nur von Bartók, sondern auch von Arnold Schoenberg, Anton Webern, Benjamin Britten und Sergej Prokofiew schreiben. Die Uraufführungen fanden in „ihrem“ Konzertsaal statt, dem Coolidge Auditorium, das noch heute in der Library of Congress in Washington als Kammermusiksaal mit 500 Plätzen dient. Die Kosten dafür hatte Elizabeth Sprague-Coolidge vollständig selbst getragen. Die Eröffnung fand im Oktober 1925 in Anwesenheit des amerikanischen Präsidenten Calvin Coolidge statt, der mit der Auftraggeberin des Saales übrigens nicht verwandt war. Seitdem haben mehr als 2000 Kammerkonzerte in dem Auditorium stattgefunden, darunter einige der bedeutendsten Uraufführungen der Moderne.

Zu Letzteren zählte auch das Fünfte Quartett von Bartók. Es wurde am 8. April 1935 vom Kolisch Quartett aus der Taufe gehoben. Wie man es in den USA von Bartók erwartet hatte, handelt es sich um ein Werk mit folkloristischer Keimzelle: Im Zentrum der fünfsätzigen Bogenform steht ein Scherzo Alla bulgarese. Die Volksmusikthemen dieses Satzes weisen die üblichen unregelmäßigen Rhythmen der bulgarischen Folklore auf. Freilich hat auch dieser Satz nochmals einen Kern, und genau um dieses Trio gruppiert sich die gesamte Anlage des Quartetts, wie Hans Oesch in seiner Einführung erklärt hat:
„Der Symmetriemittelpunkt ist das Trio des Scherzos, oder noch genauer: eine in diesem Trio von der Bratsche vorgetragene schlichte Melodie. Um diesen Kern hüllt sich auf beiden Seiten erst einmal das bulgarische Scherzo; eine zweite Hülle bilden die langsamen Sätze 2 und 4, die sich formal und im Charakter entsprechen, und eine dritte die raschen Sätze 1 und 5, die ebenfalls wieder wegen des gleichen, aber verschieden verarbeiteten Materials zusammengehören.“ (Hans Oesch)

Der erste Satz, Allegro, ist berühmt für seine krass dissonanten, repetierten Akkorde, die im Satzverlauf ständig wiederkehren. Zu Beginn beschränken sich die Tonwiederholungen auf den Ton B, gehen aber bald in dissonante Mehrklänge über. Die Dissonanz-Ballungen nehmen immer krassere Züge an und werden nur unterbrochen von Spielereien mit einer Trillerfigur und vom leisen, lyrischen Seitenthema aus chromatisch fließenden Triolen. In der Durchführung macht sich eine raue, ungezügelte Balkanmelodien breit. Der gleichsam verbissene Affekt gipfelt kurz vor Schluss in einer letzten, wie gemeißelt wirkenden Steigerung des Anfangs-B’s über vier Oktaven.

Das Adagio molto an zweiter Stelle beginnt mit einer Einleitung aus leisen Trillern und „Seufzerfiguren“. Danach setzt etwas zügiger (un poco più andante) das eigentliche Thema ein: ein klagendes Violinsolo über orgelartigen Liegeklängen der Unterstimmen. Im Mittelteil lösen sich Fragmente aus diesem Klagethema, und zwar über einem merkwürdig schillernden Klanggrund aus Pizzicato, Tremolo und chromatischen Läufen. Das Pizzicato hat Bartók hier differenziert zwischen normal gezupften „klagenden“ Halbtönen und einem Pizzicato mit dem Nagel des 1. Fingers der linken Hand am oberen Ende der Saite. In die variierte Wiederholung des klagenden Violinthemas mischen sich die kleinen, chromatischen Läufe aus dem Mittelteil ein, so dass zu einer schmerzlichen Steigerung kommt, bevor der Satz mit jenen Trillern ausklingt, mit denen er begonnen hatte.

Es folgt das Bulgarische Scherzo (Scherzo alla bulgarese), eröffnet vom Cello mit einem typisch bulgarischen Rhythmus auf den gezupften Saiten. Der merkwürdig gegen den Takt verschobene Schwung entsteht aus der Gruppierung von 4+2+3 Achteln. Darüber werfen die anderen Instrumente einander weich gebundene Melodiebögen zu. Auf einmal setzt laut und unbotmäßig ein Kaleidoskop aus bulgarischen Volksmelodien ein, inklusive der unvermeidlichen dissonanten Akkorde. Allmählich gewinnen die weichen geschwungenen Linien vom Anfang wieder die Oberhand. Über einer liegenden, leisen Terz in der Bratsche beginnt plötzlich das Trio, das „Symmetriezentrum“ des ganzen Quartetts: „Hier klingen Töne auf, die aus einer anderen Welt zu stammen scheinen. Die anfangs sordinierte erste Geige spielt, sehr leise beginnend und dann allmählich dynamisch steigernd, ein Motiv aus zehn Tönen … Über vierzig Takte hinweg erklingt dieses Motiv nur in der Geige; dann wird es auch von den andern Instrumenten übernommen. Im neunten Takt beginnt die Bratsche mit jenem schlichten volksliedartigen Gesang, der später auch vom Cello übernommen wird.“ (Hans Oesch) Dieses Volkslied besteht aus lauter Terz- und Quartsprüngen in Fünfermetren Es steigert sich unter der flirrenden chromatischen Linie der übrigen Stimmen bis zu gespenstischer Intensität. So schnell wie die Szene begonnen hat, verschwindet sie wieder. Der Scherzo-Hauptteil kehrt variiert wieder, wirkt nun aber wie aufgeregt und gipfelt in einem wilden bulgarischen Tanz.

Das Andante an vierter Stelle ist nichts anderes als eine Variante des zweiten Satzes, das Finale eine Variante des Kopfsatzes. In Letzterem bildet wieder das gehämmerte, repetierte B den Zentralton eines wilden Allegro vivace, das in furiosen chromatischen Läufen gipfelt. Die krass dissonanten Akkorde aus dem ersten Satz kehren wieder, als neues Element hat Bartók eine ironisches Allegretto con indifferenza eingefügt, eine banale Volksmelodie in A-Dur, die von der ersten Geige „verstimmt“ aufgegriffen wird, bevor die chromatischen Läufe das Quartett beschließen.

Karl Böhmer