Violinsonate (Sonatine) D-Dur, op. posth 137,1 | Kammermusikführer - Villa Musica Rheinland-Pfalz

Franz Schubert

Violinsonate (Sonatine) D-Dur, op. posth 137,1

Sonate (Sonatine) D-Dur für Violine und Klavier, op. posth 137,1

Besetzung:

Werkverzeichnisnummer: 1743

Satzbezeichnungen

1. Allegro molto

2. Andante

3. Allegro vivace

Erläuterungen

Franz Schubert war schon als Schüler ein hervorragender Geiger, wie seine Zeugnisse am k. k. Stadtkonvikt in Wien beweisen. Allabendlich vertrieben sich die Gymnasiasten die Zeit mit Orchesterproben. Sie führten große Sinfonien und Ouvertüren von Haydn, Mozart, Cherubini, Beethoven und anderen Komponisten auf, Franz Schubert war ihr Konzertmeister. Auch in den diversen Kammerensembles der Schule war er mit der Geige beteiligt, zuhause, im Streichquartett mit Vater und Brüdern, spielte er die Bratsche. Dies erklärt sein tiefes Verständnis für die Klangwirkungen des Streichersatzes. Kein anderer Komponist des 19. Jahrhunderts verstand es, die Klangfarben der Streicher so eigentümlich und beseelt einzusetzen, wie er. Sein Streichersatz ist ein Klangwunder, das sich vornehmlich im Streichquartett und –quintett ereignet, und zwar bereits in den frühen Streichquartetten des Schülers und Hilfslehrers.

Was er in den selben Jahren für Violine und Klavier geschrieben hat, fällt dagegen scheinbar kaum ins Gewicht. Das Genre „Violinsonate“ ist bei Schubert nur mit vier frühen Werken vertreten, hinzu kommen zwei Spätwerke in Genres des Virtuosenzeitalters (Fantasie, Rondeau brillant). Die Gründe dafür sind eher in seinem Klavier- denn Violinspiel zu suchen: Im Gegensatz zu Mozart oder Beethoven trat er in Wien nicht als Klaviervirtuose in Erscheinung, so dass sich Gelegenheiten, eigene Duos oder Trios mit durchreisenden Violinisten oder Cellisten zu produzieren, nicht ergaben. Erst in seinen letzten drei Lebensjahren, zu einer Zeit, als er sich als „Tonkünstler“ bereits einen Namen gemacht hatte, wurde er durch die Bekanntschaft mit dem Pianisten Karl Maria von Bocklet und dem Violinvirtuosen Josef Slawik zu den beiden späten, virtuosen Duos und zu den beiden großen Klaviertrios angeregt.

Schuberts frühe Violinsonaten dagegen sind Zeugnisse einer Stilphase in seiner Entwicklung, die man mit Recht klassizistisch genannt hat. Nach aufregenden frühromantischen Experimenten in seinen ersten Streichquartetten ging er in seiner Kammermusik um 1815 zu einem gemäßigten Stil über, der sich durch die enge Anlehnung an Haydn und Mozart auszeichnet. Dies hängt mit seinem Streben nach öffentlicher Anerkennung zusammen, wovon auch die Übersendung des ersten Liederheftes an Goethe im April 1816 zeugt. In eben jenem Monat vollendete er drei Violinsonaten, die man heute allgemein nach dem Titel des Erstdrucks als „Sonatinen“ bezeichnet, obwohl sie mit Musik für den Unterricht nichts zu tun haben. Schubert nannte jedes dieser Werke Sonate pour le Pianoforte et Violon und zählte sie von I bis III durch, was den formalen Anspruch und die zyklische Einheit bestätigt. Erst der Verlag Diabelli gab sie als „Sonatinen“ heraus, um den Käufern anzuzeigen, dass es sich nicht um „Grandes Sonates“ im damaligen Sinne handele.

Die knappen Formen der drei im März und April 1816 komponierten Werke sind das Ergebnis einer Stilisierung: Schubert hat sie als Huldigungen an den Violinsonatentypus Mozarts angelegt. Nicht nur die Melodik mutet oft mozartisch an – bis hin zu regelrechten Zitaten. Auch das ausgewogene Verhältnis zwischen beiden Instrumenten, die kantable Führung der Violine und der durchsichtige Klaviersatz distanzieren sich von jeder virtuosen Attitüde und orientieren sich an jenem vollendeten Dialog zwischen „Pianoforte et Violon“, wie ihn Mozart in seinen ersten Wiener Violinsonaten KV 376 bis 380 verwirklicht hatte. F

Die D-Dur-Sonate beginnt mit einem weich fließenden Thema im Unisono der beiden Instrumente – ganz so wie Mozarts e-Moll-Sonate KV 304. Anschließend wird das Thema des Allegro molto in Oktavkanons ausgelotet und bis nach F-Dur geführt. Noch süßer (dolce) kommt das Mozartische Seitenthema daher. Den einzigen Kontrast im lyrischen Strömen der Melodien setzt eine Fortissimo-Variante des Hauptthemas, das in der Durchführung in immer neuen harmonischen Schattierungen beleuchtet wird.

Das schöne A-Dur-Thema des Andante klingt unüberhörbar an ein bekanntes Mozartlied an (An Chloe KV 524). Im a-Moll-Mittelteil des Satzes hören wir den jungen Liederkomponisten Schubert. Obwohl auch das Thema des Finalrondo an diverse Mozartsche Finali im Sechsachteltakt erinnert, wirkt dieses Allegro vivace unverkennbar Schubertisch, gleich im ausdrucksvollen Gis des vierten Taktes und dem Akzent im sechsten Takt. Harmonische Ausweichungen und Akzente kehren auch im weiteren Verlauf des Satzes wieder.