Kammermusikführer - Villa Musica Rheinland-Pfalz: Klaviertrio g-Moll, op. 15

Friedrich Smetana

Klaviertrio g-Moll, op. 15

Trio g-Moll für Violine, Violoncello und Klavier, op. 15

Besetzung:

Werkverzeichnisnummer: 1835

Satzbezeichnungen

1. Moderato assai

2. Allegro, ma non agitato – Alternativo I. Andante – Alternativo II. Maestoso

3. Finale. Presto

Erläuterungen

2004
BEDRICH SMETANA
Klaviertrio g-Moll, op. 15

Der große Tragiker unter den böhmischen Komponisten des 19. Jahrhunderts war Bedrich bzw. Friedrich Smetana. Die Tragödie seines Lebens – die durch eine Syphillis-Infektion hervorgerufene Taubheit – hat er zum Thema seiner beiden Streichquartette gemacht, und auch sein drittes Kammermusikwerk, das Klaviertrio, steht in autobiographischem Zusammenhang. Als trauernder Vater trug Smetana im Herbst 1855 seine Tochter Bedriska (Friederike) zu Grabe. Es war das zweite von drei Kindern, die innerhalb von zwei Jahren starben, und das am meisten Geliebte. Das Klaviertrio, das er ihr zu Ehren von September bis November jenes Jahres geschrieben hat, trägt die bewegende Widmung

Zu Erinnerung an unser erstes Kind Bedriska, welches uns durch sein außerordentliches Musiktalent entzückt hat, jedoch uns durch den unerbittlichen Tod im Alter von viereinhalb Jahren entrissen wurde.

Die Musik des Trios ist die erschütternde Umsetzung dieser Zeilen. Ein abwärts gerichteter chromatischer Gang, der alte Lamentobass des Barock, in hochromantische Rhythmik aufgelöst, eröffnet das Werk – ungewöhnlich genug als Violinsolo. Es ist, als ob der Vater den ersten Schmersschrei und die bohrende Fragen nach dem “Warum?” in Noten habe übersetzen wollen.

Ein chromatisch aufsteigender Kontrapunkt des Cellos gesellt sich hinzu, das Klavier verharrt in akkordischer Begleitung, bis es im Fortissimo das Gegenthema aufgreift. Alles an diesem Beginn scheint “beredt”, er ist eine einzige Klage in musikalischer Deklamation. Con espressione stimmt das Cello ein wehmütiges Seitenthema in B-Dur an – Erinnerung an das geliebte Wesen. Die Geige spinnt den Faden weiter bis hin zu einer Stelle, in der weitgespannte Violinphrasen von einer wiegenden Cellofigur begleitet werden – das Bild des Kindes beherrscht die Erinnerung. Mitten in der Durchführung hat Smetana in einer A-Dur-Idylle die Vision seiner verklärten Tochter eingefangen. Sie spricht zum Vater, und das Klavier greift den Gedanken auf, den es in einer Kadenz ausspinnt, bevor die Reprise einsetzt.

Der zweite Satz sei, so meinte Smetanas Blograph Nejedly, ein Porträt der kleinen Friederike, überschattet von der Ahnung des Todes. Man hat den Satz zu Recht ein Scherzo doloroso genannt. In einem lebhaften Oktaventhema stellt das Klavier das Mädchen beim Spielen dar, doch scheint durch den Tanzrhythmus unverkennbar die Chromatik aus dem Klagethema des ersten Satzes durch. Zwei Trios, von Smetana Alternativo genannt, bereichern das musikalische Porträt: ein zartes Andante und ein Es-Dur-Alaestoso im feierlich punktierten Rhythmus.

Im wild dahin jagenden Triolenthema des Finales tritt die Chromatik wieder unmissverständich hervor. Duolen gegen Triolen und Streicherpizzicati verleihen dem Satz etwas Gespenstisches – ein Totentanz. Hymnisch und in herrlichem Pathos stimmt dagegen das Cello sein Seitenthema an. Der Konflikt zwischen beiden Themen bestimmt den Satzverlauf, wird aber in der Durchführung – wie im Kopfsatz -von einer Vision unterbrochen: Im Tempo eines Trauermarschs (Grave, quasi marcia) lenken die Streicher mit stockenden Akkorden unseren Blick auf den Sarg des Kindes. Wir erleben den Trauerzug, hören von Ferne die Totenglocken und sagen Adieu – “der Höhepunkt der Tragödie” (Rosa Newmarch). Franz Liszt, der diese erschütterenden Töne bei einem Besuch in Prag 1856 hörte, war einer der wenigen, die die Bedeutung dieses Werkes begriffen.