Sonata à 4 g-Moll, TWV 43: g 2 | Kammermusikführer - Villa Musica Rheinland-Pfalz

Georg Philipp Telemann

Sonata à 4 g-Moll, TWV 43: g 2

Quartett g-Moll für Oboe, Violine, Viola und Basso continuo, TWV 43: g 2

Besetzung:

Werkverzeichnisnummer: 1938

Satzbezeichnungen

1. Largo e staccato

2. Allegro

3. Adagio

4. Vivace

Erläuterungen

Nein, nein, es ist nicht gnug, daß nur die Noten klingen, daß du der Reguln Kram zu Marckte weist zu bringen. Gieb jedem Instrument das, was es leyden kann. So hat der Spieler Lust, du hast Vergnügen dran.

Diese1718 von Georg Philipp Telemann formulierte Maxime eines guten Instrumentalkomponisten konnten in den vergangenen Tagen zwölf junge Musiker und Musikerinnen aus Deutschland, Luxemburg und der Schweiz auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Unter der Leitung von Reinhard Goebel setzten sie sich mit einigen der schönsten Kammermusikwerke des Hamburger Komponisten auseinander, dem man zwar nachsagt, ein “Vielschreiber” gewesen zu sein, der in Wahrheit aber in jedem neuen Werk die Klangfarben seiner Zeit auf neue, überraschende und raffinierte Weise kombinierte. Der unerschöpliche Erfindungsreichtum Telemanns im Mischen, Aufspalten oder Überlagern disparater Klänge machen seine Kammermusik zu einem idealen Medium für die Premiere eines Barockensembles, das unter pädagogischen Vorzeichen ganz verschiedene Spieler projektbezogen zusammenführt. Die Musiker und Musikerinnen, die auf eine Villa Musica-Ausschreibung hin mit ihren alten (oder nachgebauten) Instrumenten nach Burg Namedy in Andernach kamen, um bei Reinhard Goebel Aufführungspraxis zu lernen, haben sich in ungewohnten Situationen wiedergefunden – die Traversflöte als Gesprächspartnerin eines Gambenpaars, die Oboe als Mittelstimme in einem kontrapunktischen Quartettgewebe, die Violinen im vierstimmigen Satz ohne doppelten Continuo-Boden. Nicht nur diese faszinierende Klangregie war es, die Telemann als den “getreuen Musikmeister” für das neu gegründete “Barockensemble Schloß Engers” empfahl. Durch Telemanns Experimente in formaler und stilistischer Hinsicht wirkt seine Instrumentalmusik wie eine Enzyklopädie des musikalischen Spätbarock. Kein deutscher Komponist zwischen 1700 und 1740 blieb unbeeinflußt von seinen Modellen,die auch die Theorektiker als mustergültig betrachteten. Einige der modellhaften Gattungen Telemannscher Muse werden in diesem Programm vorgestellt.

Die dauernde Präsenz des Basso continuo ließ für Barockkomponisten Kammermusik ohne Generalbaß zur willkommenen Abwechslung werden. Alle Phantasie hatte der Frage zu gelten, wie man Vollständigkeit der Harmonie ohne das Baßfundament erreichen konnte. Hatte Bach dieses Problem in der für ihn typischen Weise durch die Höchstanforderung vierstimmiger Fugen für eine Violine allein gelöst, so erfand Telemann das “vergnüglichere” Medium des Konzerts für vier Violinen senza Basso, in dem die rauschenden Streichereffekte klassischer Concerti ohne Mittelstimmen und Baß nachgeahmt werden.

Das Quartett mit Basso continuo (Quatuor oder Quadro) galt als die anspruchsvollste Gattung der Kammermusik, Telemann als ihr Meister: “Ein Quatuor, oder eine Sonate mit drey concertirenden Instrumenten, und einer Grundstimme, ist eigentlich der Probierstein eines ächten Contrapunctisten;… sechs gewisse Quatuors für unterschiedliche Instrumente, meistentheils Flöte, Hoboe, und Violine, welche Herr Telemann schon vor ziemlich langer Zeit gesetzet hat, die aber nicht in Kupfer gestochen worden sind, können, in dieser Art von Musik, vorzüglich schöne Muster geben.” (J. J. Quantz 1752) Zu diesen von Quantz hervorgehobenen Quartetten gehörte nach Meinung von Reinhard Goebel auch das Quartett g-Moll unseres Programms, das in zwei Darmstädter Handschriften überliefert ist. Es zeigt auf idealtypische Weise die Komponenten des Telemannschen Quatuor-Stils: über dem Fundament des Generalbasses sind alle drei Oberstimmen – Oboe, Violine und Gambe – gleichberechtigt. Im ersten und im konzerthaften zweiten Satz lösen sie sich dialogisch ab, im dritten und vierten sind sie zu einem untrennbaren Ganzen verwoben