Klaviertrio d-Moll, op. 49 | Kammermusikführer - Villa Musica Rheinland-Pfalz

Felix Mendelssohn-Bartholdy

Klaviertrio d-Moll, op. 49

Trio d-Moll für Violine, Violoncello und Klavier, op. 49

Besetzung:

Werkverzeichnisnummer: 2231

Satzbezeichnungen

1. Molto allegro ed agitato

2. Andante con moto tranquillo

3. Scherzo. Leggiero e vivace

4. Finale. Allegro assai appassionato

Erläuterungen

Von der goldenen Ära des alten Gewandhauses zu sprechen, ohne den Namen Mendelssohn zu nennen, ist unmöglich. Als Dirigent des Gewandhaus-Orchesters, als überlegen gestaltender Pianist und als Konzertveranstalter mit Verbindungen zu den besten Musikern der Zeit drückte Mendelssohn den 1840er Jahren in Leipzig seinen Stempel auf.

In der Saison 1840 brachte Mendelssohn im Gewandhaus sein erstes Klaviertrio in d-Moll zur Uraufführung und publizierte es anschließend als Opus 49 beim Leipziger Verlag Breitkopf & Härtel. Dieser versuchte, das neue Trio auch im Ausland anzubringen – zunächst vergeblich. Der Londoner Verleger Novello meinte, dass ein so anspruchsvolles Trio „amongst our ignorant public“ nur einen schmalen Umsatz verspreche, während man in Paris konstatierte: „Für hier ist es zu gelehrt, um dankbar zu seyn.“ In Leipzig dagegen löste das Trio größte Begeisterung aus: „Es ist das Meistertrio der Gegenwart, wie es ihrerzeit die von Beethoven in B und D, das von Franz Schubert in Es waren; eine gar schöne Komposition, die nach Jahren noch Enkel und Urenkel erfreuen wird.“ So rezensierte Robert Schumann das Werk in der Neuen Zeitschrift für Musik. Für Schumann knüpfte Mendelssohns Kunst, „die jetzt beinahe in ihrer höchsten Blüte zu stehen scheint“, an die Klassiker an und war doch Gegenwartskunst im besten Sinne: „Er ist der Mozart des neunzehnten Jahrhunderts, der hellste Musiker, der die Widersprüche der Zeit am klarsten durchschaut und zuerst versöhnt.“

Das Unbehagen an seinen eigenen Liedern ohne Worte hatte in Mendelssohn Ende der 1830er Jahre ein neues Interesse an der Kammermusik geweckt: „Zudem ist ein ganz bedeutender und mir sehr lieber Zweig der Claviermusik, Trios, Quartetten und andere Sachen mit Begleitung, so die rechte Kammermusik, jetzt ganz vergessen und das Bedürfniß, mal was Neues darin zu haben, ist mir gar zu groß. Da möchte ich auch gern etwas dazu thun… und denke nächstens ein paar Trios zu schreiben.“ Seinen Plan setzte er 1839 mit dem Trio op. 49 in die Tat um. Es kam einer Neugründung der Gattung gleich, was Mendelssohn mit der ganzen „zauberischen Frische“ seines Anschlags bei der Uraufführung am 1. Februar 1840 im Leipziger Gewandhaus höchstselbst bewies.

Der erste Satz ist ein stürmisches Molto Allegro agitato, dessen Thema in sprudelnde Arpeggios des Klaviers gehüllt wird. Ursprünglich hatte Mendelssohn hier weitaus konventionellere Dreiklangsbrechungen fürs Klavier vorgesehen. Sein Freund Ferdinand Hiller aber, der lange in Paris gelebt und dort oft Liszt und Chopin gehört hatte, riet ihm zu einer gewagteren Lösung. Formal „versöhnt“ dieser Kopfsatz die klassische Sonatenform und den romantischen Ausdruck mit den Mitteln einer „unendlichen Melodie“. Das Hauptthema ist ebenso klar konturiert wie von romantischer Stimmung durchdrungen. Die Art, wie diese herrliche Kantilene durch die Stimmen wandert, knüpft an die durchbrochene Arbeit der Klassiker an. Das Klavier löst sich bald aus dem rauschenden Klanggrund des Anfangs und streut in den Dialog der Oberstimmen einige von jenen brillanten Passagen ein, die Mendelssohns Klaviertrios und -konzerte bis heute zur Herausforderung machen. Ihre scheinbare Leichtigkeit ist nur mit größter Disziplin und subtilstem Anschlag zu erreichen.

Andante und Scherzo tragen die für Mendelssohn typischen Charaktere Lied ohne Worte und Elfenreigen. Das Andante beginnt mit einem wehmütig zarten Thema. Es wird im Mittelteil ins Elegische gewendet, in der Reprise durch Pizzicatobässe variiert und in der Coda in eine Wellenbewegung der Streicher eingetaucht. Unwillkürlich denkt man an Mendelssohns venezianische Gondellieder für Klavier. Dass die Welt der Waldgeister im Scherzo nicht zur Konvention erstarrt, hängt mit dem quicklebendigen Kontrapunkt zusammen. Das Finale mit seinem an Beethoven gemahnenden Thema zeigt die Unbefangenheit, mit der Mendelssohn das romantische „Finalproblem“ löste.

Karl Böhmer