Harmoniemusik nach Don Giovanni, KV 527 | Kammermusikführer - Villa Musica Rheinland-Pfalz

Wolfgang Amadeus Mozart

Harmoniemusik nach Don Giovanni, KV 527

Harmoniemusik nach Don Giovanni, KV 527 (Arr. Joseph Triebensee)

Besetzung:

Werkverzeichnisnummer: 2347

Satzbezeichnungen

1. Ouvertura

2. Introduzione. Notte e giorno

3. Aria Donna Elvira. Ah chi mi dice mai

4. Registerarie Madamina

5. Coro. Giovinette che fate l’amore

6. Duettino. Là ci darem la mano

7. Champagnerarie. Fin ch’han dal vino

8. Aria Zerlina. Batti, batti

9. Aus dem Finale I. Presto, presto
10. Duetto. Eh via buffone
1
1. Ständchen. Deh vieni alla finestra
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2. Aus dem Finale II. Già la mensa

Erläuterungen

Hätte Andrew Lloyd-Webber im 18. Jahrhundert gelebt, er hätte schwerlich einen milliardenschweren Jahresumsatz verzeichnen können. Mühsam war das Klassiker-Geschäft, bevor die Verwertung der Rechte gesetzlich verankert war, und nur das marktorientierte Arrangieren brachte den Komponisten zusätzlich zu dem Werk selbst Geld ein. Für eine Oper erhielt man in der Regel nur ein einmaliges Honorar, d. h. keinerlei Vergütungen pro Aufführung, bei Wiederaufnahmen oder Übernahmen an andere Bühnen, von Tantiemen aus Bearbeitungen ganz zu schweigen. Wollte ein Komponist wie Mozart an der Popularität seiner Melodien partizipieren, mußte er schlicht und einfach schnell sein: “Nun habe ich keine geringe arbeit. – bis Sonntag acht tag muß meine Opera auf die harmonie gesezt seyn – sonst kommt mir einer bevor – und hat statt meiner den Profit davon…”

Die Rede ist von Die Entführung aus dem Serail, nach deren erfolgreicher Uraufführung der Komponist die übliche Bearbeitung für Bläseroktett selbst besorgen wollte. In dieser Form nämlich gelangten die neuesten Opernschlager von der Bühne des Burgtheaters in die reichen Häuser und auf die Straßen Wiens, und wer als erster eine Bläserfassung anbieten konnte, “hatte den Profit davon”.

Vom Recht des Komponisten an seinen Melodien war noch nicht die Rede, auch nicht von Authentizität des Arrangements. Nur geschickt gesetzt mußte es sein, worauf sich andere ebenso gut verstanden wie Mozart, der seinem Vater gestand: “sie glauben nicht wie schwer es ist so was auf die harmonie zu setzen – daß es den blaßinstrumenten eigen ist, und doch dabey nichts von der Wirkung verloren geht.”

Mozarts Versuch , in den von Profi-Arrangeuren beherrschten Wiener Harmoniemusik-Markt vorzudringen, scheiterte. Von seinen Da Ponte-Opern hat er keine Bläserarrangements angefertigt, ja, es ist unsicher, ob er die begonnene Harmoniemusik nach der Entführung vollendet hat.

DON GIOVANNI, 1787 im Prager Nationaltheater uraufgeführt und 1788 am Wiener Burgtheater in leicht geänderter Form inszeniert, war, was die Popularität seiner Melodien anbelangt, ein durchschlagender Erfolg. Das Spektrum der populären Rezeption reichte vom Nimbus des Schlagers, wie ihn “Reich mir die Hand, mein Leben” oder Don Giovannis Ständchen erreichten, bis hin zur geistlichen Kontrafaktur so ungeistlicher Nummern wie der Registerarie. Während man die Handlung der Oper häufig genug als unmoralisch empfand, konnte man sich dem verführerischen Charme ihrer Melodien nicht entziehen.

Nicht unwesentlich trugen dazu die Harmoniemusiken bei, die die besagten Profi-Arrangeure wie Wendt oder Triebensee von dem Werk anfertigten. Um ihre Potpourris zu würdigen, muß man bedenken, daß sie für das damalige Publikum die Schallplatte ersetzten: sie gestatteten einen einfachen Zugriff auf eine sonst nur im Opernhaus zu erlebende Musik, noch dazu in leicht disponierbarer Form. Harmoniemusiken konnte man bei “armen Schluckern” auf der Straße als Freiluftserenaden bestellen oder seinen Gästen als Tafelmusik kredenzen; Zeitzeugen berichten, daß sie noch nicht einmal im politischen Getriebe der Frankfurter Kaiserwahlen aussetzten.

Unsere Don Giovanni-Harmoniemusik stammt aus der Feder von Joseph Triebensee, dessen Vater Johann Georg als erster Oboist der Wiener Hofkapelle die Oboensoli des Don Giovanni 1788 selbst geblasen hatte. Sein Sohn, der die Harmoniemusik des Fürsten Liechtenstein leitete, bezog in sein ca. 1796 angefertigtes Arrangement auch die umfangreichsten Nummern von Mozarts Partitur wie die Ouvertüre oder die beiden Finali mit ein. Der Versuch, auch diese großen Stücke trotz notwendiger Vereinfachungen für die Bläser und trotz mancher Verkürzungen in die Bearbeitung aufzunehmen, entsprach den Gepflogenheiten am Bonner Hof. Boßler erwähnt unter den “größeren Stücken” des dortigen Bläserrepertoires ausdrücklich die Ouvertüre zum “Don Juan”.

Aus den 19 von Triebensee arrangierten Nummern des Don Giovanni hat Klaus Thunemann für unser Konzert eine in Tonarten und Satzcharakteren sinnvolle Bläserpartita zusammengestellt. Sie beschränkt sich auf Nummern aus dem ersten Akt und schließt neben den bekanntesten Arien (Registerarie, “Reich mir die Hand mein Leben”, die Tenorarie der Wiener Fassung “Dalla sua pace”) auch die “größeren Stücke” ein: die Ouvertüre, die Introduktion und das Finale. Alle drei sind verkürzt, das Finale außerdem im Sinne einer Suite en miniature umgestellt. Triebensee hat dabei die drei Tänze der Ballszene nicht wie Mozart in drei verschiedenen Taktarten notiert, sondern einheitlich im Dreiertakt. So vereinfachte man sich schon im 18. Jahrhundert notationstechnische Probleme

2003
W.A.MOZART
Don Giovanni-Harmoniemusik

“Für die Wiener ist diese Oper nicht, für die Prager eher, aber am meisten für mich und meine Freunde geschrieben.” So soll Mozart selbst über seinen 1787 in Prag uraufgeführten Don Giovanni gesagt haben. In der Tat war die Prager Premiere ein Sensationserfolg, dem die matte Reaktion der Wiener im folgenden Jahr 1788 nicht das Wasser reichen konnte. Don Giovanni ist im eigentlichen Sinne Mozarts Prager Oper. Der tschechische Organist Kucharz, der bei der Einstudierung mitwirkte, sollte recht behalten: “Was von Mozart kommt, wird den Böhmen gewiss gefallen.”

Nach der Uraufführung des Don Giovanni am 29. Oktober 1787 im Prager Ständetheater war die ganze Stadt voll vom Lob und der Musik der Oper. Die Zeitungen, die gelehrten Gespräche und besonders die Straßen und Lokale hallten wieder von Lá ci darem la mano und Don Giovannis Ständchen. Wer die Oper im Theater nicht selbst sehen konnte, dem blieb als Informationsquelle über ihre herrlichen Melodien nur ein Weg übrig: die “Harmoniemusik”. So nannte man zu Mozarts Zeit die allenthalben erklingende Musik für je zwei Oboen, Klarinetten, Hörner und Fagotte (mit Bass ad libitum). Sie versüßte als Tafelmusik den hohen Herren die Gaumenfreuden, als Straßenmusik den niederen Ständen die Abende, und auch so mancher Gastwirt benutzte Bläserensembles als Lockvögel fürs Publikum. Die musikalische Speise, womit man alle Stände vom Hochadel bis zur Dienerschaft an einen Tisch bekam, mundete dann besonders gut, wenn sie mit neuen Opernschlagern gewürzt war. Und das waren im November 1787 zu Prag eben die Melodien des Don Giovanni.

Dank der Pressekampagne der Zeitungen stand Mozarts Oper schon vor der Premiere ganz oben auf der Harmoniemusik-Wunschliste der Prager, und so hatten es die Arrangeure leicht, vom Erfolg der Premiere in gebührender Weise zu profitieren. Mozart hatte seinen einzigen Versuch, auf diesen Markt vorzustoßen, nach der Wiener Premiere der Entführung aus dem Serail 1782 aufgegeben. Er musste die lukrative Zweitverwertung seiner Opern in Bläserarrangements anderen überlassen, etwa dem Böhmen Johann Wendt oder dem Wiener Joseph Triebensee.

Der Vater des letzteren hatte in der Wiener Premiere des Don Giovanni Oboe gespielt, und so hat auch der Sohn die Oper nicht nach der Prager Urfassung, sondern nach der Wiener Fassung bearbeitet. Dies verraten zwei von Triebensee arrangierte Nummern, die Mozart erst für Wien nachkomponierte: Don Ottavios Arie Dalla sua pace und das komische Duett zwischen Leporello und Zerlina Per queste tue manine. Ansonsten enthält seine Version alle bekannten Nummern beider Fassungen. Wir hören – nicht ganz in der Reihenfolge der Oper – die Ouvertüre (mit Triebensees Kürzungen), die wütende Auftrittsarie der Donna Elvira, das Duettino zwischen Don Giovanni und Zerlina und erst danach den Chor der Bauern, schließlich das Terzett unter Elviras Fenster, Don Giovannis Ständchen und Donna Annas Rondò. Den Abschluss bildet – quasi als Finale einer Bläserserenade – die sog. Champagnerarie, die aber mit dem Perlwein wenig zu tun hat.