"Hodie aperuit nobis clausa porta" | Kammermusikführer - Villa Musica Rheinland-Pfalz

Hildegard von Bingen

"Hodie aperuit nobis clausa porta"

“Hodie aperuit nobis clausa porta”

Besetzung:

Werkverzeichnisnummer: 2663

Satzbezeichnungen

Erläuterungen

Mehr als 200 Jahre liegen zwischen Hildegard und Birgitta von Schweden. Der Lebensweg der beiden Frauen verlief unterschiedlich und dennoch gibt es frappierende Gemeinsamkeiten zwischen den beiden faszinierenden Gestalten des 12. und des 14. Jahrhunderts. Hier Hildegard, die mit 14, am Allerheiligenfest des Jahres 1112, in die Frauenklause auf dem Disibodenberg eintrat, dort Birgitta, die im gleichen Alter vermählt wurde. Beide gehörten Familien aus dem Hochadel an. Beide waren Visionärinnen, die mit über 40 ihr Leben komplett veränderten und ihrer Berufung nachkamen. Beide traten mit dem, was sie zu sagen hatten, in die Öffentlichkeit und kommunizierten mit den Mächtigen ihrer Zeit. Hildegard soll in hohem Alter mehrere Predigtreisen unternommen haben, Birgitta machte sich als mahnende Pilgerin auf den Weg ins Heilige Land. Hildegard wie auch Birgitta schrieben ihre Offenbarungen nieder (bzw. ließen sie niederschreiben). Hildegard wird heute als Volksheilige verehrt (die offiziellen Kanonisationsversuche im 13. Jahrhundert sind gescheitert), Birgitta ist eine echte Heilige, auch wenn es dazu dreier Kanonisationen bedurfte (1391, 1415 und 1419).

HILDEGARD

Von Hildegards Eltern kennt man die Namen, Hildebert und Mechtildis. Ob sie von Bermersheim hießen, nach dem Ort Bermersheim in Rheinhessen, wo Hildegard auch geboren sein soll, ist ungewiß. Hildegard wußte sich zeitlebens in ihren Kreisen zu bewegen, und die familiären Kontakte ermöglichten ihr, zahlreiche Probleme erfolgreich zu bewältigen, wie zum Beispiel die Gründung eines eigenen Klosters. Sie war eine Universalgelehrte, ohne jemals eine richtige schulische Ausbildung genossen zu haben, Natur- und Heilkundlerin, Komponistin, Predigerin, Autorin mehrere großer Werke, Deuterin der Heilsgeschichte, Gottes und der Welt.

Hildegard verbrachte mehrere Jahrzehnte als Klausnerin auf dem Disibodenberg. Dem dortigen Benediktinerkloster war ein kleiner Frauenkonvent angeschlossen. 1136 starb die Vorsteherin, Jutta von Sponheim. Im Dezember desselben Jahres trat Hildegard ihre Nachfolge als Meisterin an. Schon als Kind, so heißt es in ihrer Vita, habe sie Visionen gehabt. Sie erfuhr sie jedoch mehr als Belastung denn als Berufung und wagte angeblich kaum, davon zu sprechen. In der Vita Juttas, die nach deren Tod verfaßt wurde, findet sich die früheste Niederschrift einer Vision Hildegards. Sie wußte den Weg, den Juttas Seele ging, bis ins Detail zu beschreiben. Sogar der Teufel selber tritt auf, versucht ihr Jugendsünden und Frevel vorzuwerfen, doch Juttas Seele wird von Johannes, dem Lieblingsjünger Jesu, und seinem Bruder Jakobus sowie von vielen guten Geistern höchstpersönlich in den Himmel geleitet. Zum Beweis der Richtigkeit ihrer Schau sollen Hildegard noch andere Dinge offenbart worden sein.

Wenige Jahre später erlebte Hildegard den zentralen Wendepunkt ihres Lebens. “An einem bestimmten Tag des Jahres 1141, als sie ’42 Jahre und sieben Monate’ alt war, verband sich die bis dahin private und quälende Art ihrer ‘visio’ mit ihrer Berufung als Nonne, und ihr Zweck wurde ihr klar. Hildegard erkannte ihre prophetische Berufung, die berühmte ‘pressura’, die sie trotz inneren und äußeren Widerstands dazu antrieb, ‘zu reden und zu schreiben’. Von nun an wurde sie ebenso kühn und extrovertiert wie sie vorher schüchtern und introvertiert gewesen war” (Newman).
Im Vorwort zu ihrer Schrift Scivias und 30 Jahre später in ihren Erinnerungen beschreibt Hildegard diesen Moment:
“Als ich zweiundvierzig Jahre und sieben Monate alt war, sah ich ein überaus stark funkelndes, feuriges Licht aus dem geöffneten Himmel kommen. Es durchströmte mein Herz und meine Brust ganz und gar, gleich einer Flamme, die jedoch nicht brennt, sondern erwärmt. Es erglühte mich so, wie die Sonne einen Gegenstand erwärmt, auf den sie ihre Strahlen ergießt und plötzlich hatte ich die Einsicht in den Sinn und in die Auslegung des Psalters, des Evangeliums und der anderen katholischen Schriften des Alten wie des neuen Testaments …”.

Von nun an verstand sich Hildegard als Prophetin. Ihre Stimme bezeichnet sie als “Trompete, die durch den Atem Gottes erklang”, sie war eine kleine Feder, die, vom König (= Gott) berührt, in Wundern emporflog, sie gab weiter, was das “lebendige Licht” ihr offenbarte. Sie wandte sich an Bernhard von Clairvaux, den damals einflußreichsten Mann in ganz Europa und bat ihn um die Bestätigung ihrer Sehergabe.

Auf der Synode von Trier 1147 schließlich wurde ihr Fall auf Betreiben des Abtes von Disibodenberg und des Erzbischofs von Mainz dem Papst vorgelegt. Nach eingehender Prüfung autorisierte er Hildegard. 1151 gründete Hildegard gegen den Widerstand der Mönche vom Disibodenberg ein Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen. Sie wurde Ratgeberin und Mahnerin von geistlichen und weltlichen Persönlichkeiten – eine Rolle, in der sich Hildegard offensichtlich wohlfühlte und die nach ihrem Tod auch postum “ausgebaut” wurde. Die Briefe wurden in ihrem Kloster gesammelt und – vielleicht sogar noch zu Lebenszeiten Hildegards – so bearbeitet, erweitert, umadressiert etc., daß sie ein beeindruckendes geradezu “flächendeckendes” Bild von einem breit gefächerten Korrespondentenkreis abgaben, der sich von höchsten geistlichen und weltlichen Würdenträgern bis hinunter zu einfachen Klerikern und Laien erstreckte. Allerdings ließen die Bearbeiter vorsichtshalber einen mahnenden, doch insgesamt heiligmäßigeren, wohlwollenden Grundtenor der Worte Hildegards vorherrschen.