Kammermusikführer - Villa Musica Rheinland-Pfalz: Streichquartett Es-Dur

Fanny Hensel

Streichquartett Es-Dur

Quartett für Streicher Es-Dur

Besetzung:

Werkverzeichnisnummer: 3030

Satzbezeichnungen

1. Adagio ma non troppo

2. Allegretto

3. Romanze

4. allegro molto vivace

Erläuterungen

Am 14. November 1805, vor fast genau 200 Jahren, wurde dem Bankier Abraham Mendelssohn und seiner Frau Lea zu Hamburg eine Tochter geboren, die man heute mit Fug und Recht die bedeutendste Komponistin der deutschen Romantik nennen darf: Fanny Mendelssohn, später verheiratete Hensel. Wäre nicht dreieinhalb Jahre später ihr Bruder Felix zur Welt gekommen, Fannys Genie würde heute in der Musikwelt uneingeschränkt strahlen. So bleibt es aus Anlass ihres 200. Geburtstags allenfalls bei pietätvollen Erinnerungsworten.

Selten hat ein musikalisches Geschwisterpaar so ungleiche Aufmerksamkeit erregt wie Felix und Fanny Mendelssohn: Was der jüngere, 1809 geborene Bruder an Bewunderung und allseitigem Respekt erfuhr, was ihm beim kometengleichen Aufstieg zu Deutschlands größtem Musikgenie der Romantik an Ruhm zuteil wurde, das blieb der vier Jahre älteren Schwester lebenslang versagt. Die konservative Haltung des Vaters, des Berliner Bankiers Abraham Mendelssohn, zur Frage einer “im Nebenberuf” komponierenden Hausfrau und Mutter lenkte Fannys musikalisches Genie aufs Nebengleis. Die Leipziger Straße 3 in Berlin – heute die Adresse des deutschen Bundesrates, der Ländervertretung, wo Politikerinnen für die Rechte der Frauen streiten – war für Fanny fast die einzige Hausnummer ihres musikalischen Wirkens. Hier, im elterlichen Gartenhause, übernahm sie vom Bruder die Leitung der “Sonntagsmusiken”, einer Institution im Berliner Musikleben. Hier durfte sie gelegentlich auch Eigenes dirigieren – neben den geliebten Werken Sebastian Bachs und ihres Bruders Felix.

Letzterer, in Jugendjahren glänzender Stern über der Leipziger Straße zu Berlin, später in Leipzig selbst unverzichtbarer Motor des deutschen Musiklebens, stand dem Komponieren der Schwester zwiespältig gegenüber: schreiben sollte sie, doch es nicht zum Beruf machen. “Ich wünsche Dir, was irgend Dein Herz begehrt, ich will Dir also auch ein halb Dutzend Melodien wünschen, es wird aber nichts helfen”, schrieb er ihr zu ihrem Geburtstag 1830 ? in ihr Geschick als Ehefrau und Mutter hatte sie sich zu fügen. Dazu passte nun einmal nicht das Publizieren von Kompositionen, das für Felix heiliger Auftrag und mühevolles Geschäft war. Als sich Fanny nach der Geburt ihres Sohnes Sebastian beim gerade in Rom weilenden Bruder über den Mangel an musikalischer Inspiration beklagte, antwortete er:

“Per Bacco, wenn Du Lust hättest, würdest Du schon componieren, was das Zeug hält (vgl. Leben eines reisenden Musikanten oder Felix in Rom) u. wenn Du nicht Lust hast, warum grämst Du Dich entsetzlich? Wenn ich mein Kind zu päppeln hätte, so wollte ich keine Partitur schreiben… Aber im Ernst, das Kind ist noch kein halbes Jahr alt, und Du willst schon andere Ideen haben, als Sebastian? (nicht Bach)!”

Äußerlich fand sich Fanny mit der ihr zugedachten Rolle einer treu sorgenden Mutter und Ehefrau des Hofmalers Wilhelm Hensel ab, während ihr Bruder dem “Leben eines reisenden Musikanten” nach Herzenslust frönte. Innerlich freilich drängte es sie immer ungeduldiger nach der Kunst.

Erst die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts haben zu Tage gefördert, welche Werke sie dieser unliebsamen Doppelrolle abtrotzte. Fannys Kompositionen blieben bis auf wenige Lieder zu Lebzeiten ungedruckt. Ab den 1980er Jahren wurden sie zum ersten Mal in gedruckten Stimmen und Partituren zugänglich gemacht ? so auch das hier gespielte Es-Dur-Quartett, Fannys einziges Streichquartett.

Wie im Leben so waren Bruder und Schwester auch im Tode durch die Musik vereint: Am 14. Mai 1847 brach Fanny bei einer Probe zur “Ersten Walpurgisnacht” ihres Bruders zusammen und erlitt einen Schlaganfall; noch am selben Abend starb sie. Der tief erschütterte Bruder folgte ihr am 4. November ins Grab. Es war das tragische Ende eines genialen Geschwisterpaars, dessen gemeinsamer künstlerischer Bodensatz nie zerstört wurde, obwohl die Konventionen der Zeit den Abstand zwischen Komponist und Hausfrau in unverrückbarer Weise festschrieben.

Fannys Instrumentalwerke künden – wie die Jugendwerke ihres Bruders – von der beseelenden Musikkultur im Hause Mendelssohn, vom Glanz der “Sonntagsmusiken”. Es war keine Übertreibung, wenn der Dichter und Journalist Ludwig Rellstab jene Nachmittage bei Mendelssohns “ein künstlerisches Fest seltenster Art” nannte, “wo die classischen Werke der älteren, wie die besten der neueren Zeit in sorgfältigster Ausführung gehört wurden und der Genuss sich durch die Mitwirkung oder Anwesenheit der ausgezeichnetsten Künstler erhöhte, die unserer Stadt angehörten oder sie als Fremde aufsuchten.” Mit Mitgliedern der königlichen Hofkapelle bestückte Abraham Mendelssohn das keineswegs bescheidene Orchester, zu dessen Klängen sich Berlins High Society im Gartenpalais auf der Leipziger Straße versammelte ? “halb im offenen Gartensaale, halb im parkartigen Garten.” Die reichlich vorhandenen Poeten der romantischen Schule haben den Zauber dieser Nachmittage anschaulich in Worte gefasst: die weiten Flügeltüren des großen Saals öffneten sich zum zauberhaften Park, man flanierte und genoss das schöne Wetter, bis Fanny ans Pult trat, um Symphonisches und Chorwerke mit Orchester zu dirigieren.

Fanny Mendelssohn hat sich als Komponistin nur einmal dem Streichquartett zugewandt. Auch daran war ihr Bruder nicht ganz unschuldig. Erst 1846 erteilte er ihr seinen “Handwerkssegen” für die Publikation von Liedern und Klavierstücken (op. 1 bis op. 6). Von ihren größeren Werken wurde nur das Klaviertrio d-Moll als Opus posth. 11 gedruckt. An eine Publikation des Streichquartetts oder der Orchesterwerke war gar nicht zu denken.

Gerade im Falle des Quartetts sind auch ästhetische Divergenzen zwischen den beiden Geschwistern für das Misstrauen des Bruders verantwortlich zu machen, wie aus ihrem Briefwechsel hervorgeht. Auf die Übersendung des neuen Werkes im Januar 1835 reagierte Felix mit einer Kritik, die auf seinem rigiden Formverständnis beruhte: “Eben habe ich mirs wieder durchgespielt und danke Dir von Herzen dafür. Mein Lieblingsstück ist das c Moll Scherzo nach wie vor, doch gefällt mir auch sehr das Thema zur Romanze. Willst Du mir eine kleine Kritikerbemerkung erlauben, so betrifft sie die Schreibart des Ganzen oder, wenn Du willst, die Form. Ich möchte, daß Du mehr auf eine bestimmte Form, namentlich in der Modulation sähest – wenn solche Form zerschlagen werden kann, ist es freilich gut, aber dann muß der Inhalt sie von selbst zerschlagen, durch innere Nothwendigkeit; ohne das wird das Stück durch solche neue oder ungewöhnliche Wendung der Form und Modulation nur unbestimmter, zerfließt mehr. Ich habe denselben Fehler in manchen neuern Sachen an mir bemerkt, und habe deshalb gut reden, weiß nicht ob ichs besser machen kann … Ich glaube ich habe Recht, wenn ich wieder mehr Respect habe vor Form, und ordentlicher Arbeit, und wie sonst die Handwerksausdrücke heißen mögen, als früher. Schick mir nur bald wieder was Nettes, sonst denke ich doch Du schlägst mich als Recensenten todt.”

Die Antwort der Schwester gewährt Einblick in die gemeinsame musikalische Vergangenheit, die sie nicht in gleicher Weise wie ihr Bruder verarbeitet hatte:

“Ich habe eine Arie für den Sopran gemacht, die würde Dir in Bezug auf Form u. Modulation besser als mein Quartett gefallen, sie hält sich ziemlich streng, u. zwar hatte ich sie fertig, ehe Du mir darüber schriebst. Ich habe nachgedacht, wie ich, eigentlich gar nicht excentrische oder hypersentimentale Person zu der weichlichen Schreibart komme? Ich glaube, es kommt daher, daß wir grade mit Beethovens letzter Zeit jung waren, u. dessen Art u. Weise wir billig, sehr in uns aufgenommen haben. Sie ist doch gar zu rührend u. eindringlich. Du hast Dich durchgelebt u. durchgeschrieben, u. ich bin drin stecken geblieben, aber ohne die Kraft, durch die die Weichheit allein bestehen kann u. soll. Daher glaub ich auch, hast Du den rechten Punkt über mich getroffen oder ausgesprochen. Es ist nicht sowohl die Schreibart, an der es fehlt, als ein gewisses Lebensprinzip, u. diesem Mangel zufolge sterben meine längern Sachen in ihrer Jugend an Altersschwäche, es fehlt mir die Kraft, die Gedanken gehörig festzuhalten, ihnen die nöthige Consistenz zu geben. Daher gelingen mir am besten Lieder, wozu nur allenfalls ein hübscher Einfall ohne viel Kraft der Durchführung gehört.”

Diese herbe Selbstkritik wird man als unbefangener Hörer nicht unterstreichen können. Fanny Hensels Streichquartett vermittelt viel von der Aura des späten Beethoven, von der sie so fasziniert war, ohne aber mit den Formen des Klassikers oder ihres Bruders in Konkurrenz zu treten. Denn ihr Quartett verzichtet auf einen Hauptsatz in Sonatenform und erscheint formal eher – wie es der Herausgeber des Werkes, Günter Marx, formulierte – als eine Zusammenstellung von “Fantasie-stücken” im romantischen Sinne:

“Der erste Satz des Quartetts, Adagio ma non troppo, ist wie eine Fantasie, formal wie harmonisch weniger Bauwerk als organisch gewachsenes Gewebe. Das Allegretto (c-Moll) ist einem Scherzo ähnlich. An die Stelle eine Trios tritt ein Fugato, das harmonisch sehr bewegt bis nach fis-Moll moduliert und immer wieder das Scherzo-Anfangsmotiv mit einbezieht, bevor es zu einem stark verkürzten Da Capo kommt. Die Romanze (g-Moll) begnügt sich nicht mit der unterschiedlichen Ausleuchtung des schönen liedhaften Themas, sondern erzählt, höchst romantisch, ein ganzes Drama. Im übermütigen letzten Satz fällt auf, daß das Rondothema jedesmal in zunehmend abgewandelter Form erscheint.” (Günter Marx)