"Fantaisie Concertante" | Kammermusikführer - Villa Musica Rheinland-Pfalz

Heitor Villa-Lobos

"Fantaisie Concertante"

“Fantaisie Concertante” für Klarinette, Fagott und Klavier (1953)

Besetzung:

Werkverzeichnisnummer: 3079

Satzbezeichnungen

1. Allegro non troppo

2. Lento

3. Allegro impetuoso

Erläuterungen

2002
HEITOR VILLA-LOBOS
Fantaisie concertante (1953)

Keine Weihnachtszeit ohne Märchen. Zu den größten Märchenerzählern in der Musik des 20. Jahrhunderts gehörte der Brasilianer Heitor Villa-Lobos. Angeblich erlernte er die Kunst des Geschichten-Erzählens während seiner Wanderjahre in den Urwäldern des Amazonas. Als junger Komponist sorgte er damit in der feinen Gesellschaft von Paris für erhebliches Aufsehen. Die von ihm veranstalteten Dinner-Parties à la brasilienne galten unter den Pariser Bohémiens der 20er Jahre als der letzte Schrei. Auch in seiner Musik kann man die Kunst beobachten, in Tönen zu erzählen und eine farbige exotische Welt auszumalen.

1887 in Rio de Janeiro geboren, gilt Villa-Lobos als Vater der brasilianischen Musik. Auf einer Viola erlernte er das Cellospiel, die Gitarre während zahlloser gemeinsamer Stunden mit den Straßenmusikanten von Rio, deren Gesellschaft er seiner Bestimmung zum Mediziner vorzog. Nach einem vergeblichen Versuch, in Rio Musiktheorie zu studieren, verdiente er sich sein Geld als Cellist in Cafés und Kinos und blieb kompositorisch Autodidakt. Später stieg er zu einem der gefeiertsten und umstrittensten Künstler Brasiliens auf, verbrachte die Jahre 1923-30 in Paris und wurde in den 40er Jahren zum Begründer des nationalen brasilianischen Musiklebens.

Je nach Art der Zählung hat er zwischen 800 und 2000 Werken geschrieben, von denen die großen Zyklen am bekanntesten wurden: zum einen seine “brasilianischen Bachiana” (Bachianas Brasileiras Nr. 1-7), zum anderen die Choros Nr. 1-14, seine Huldigung an die Straßenmusik seiner Heimatstadt Rio. Daneben schrieb er 4 Opern, 6 Ballette, 11 Symphonien, 17 Streichquartette. “Die große Stärke seiner Musik ist ihre Spontaneität … Diese Frische kann den gelehrtesten Hörer wie den naivsten überzeugen, sie bringt ihre Wirkung durch Farbe, rhythmische Energie und die pure Schönheit ihrer Melodien hervor, aber vor allem durch ihre magischen Klangfarben, die selbst in Chor- und Kammermusik den Eindruck orchestraler Brillianz erwecken.” (Corrêa de Azevedo)

Werke für Bläser nehmen bei Villa-Lobos breiten Raum ein. Dies hängt sicher damit zusammen, dass er so lange Zeit in Paris verbrachte. Früher als jede andere europäische Metropole hat die französische Hauptstadt der Bläsermusik mit eigenen Ensembles, eigenen Bläserklassen am Konservatorium und eigenen Konzertreihen besondere Aufmerksamkeit geschenkt. In den 20er Jahren, als Villa-Lobos an der Seine eintraf, konnten die Holzbläser in Paris auf mehr als 300 Jahre systematischer Ausbildung und Konzerterfahrung zurückblicken. Auch den Brasilianer inspirierten die brillanten Bläsersolisten der französischen Metropole zu neuen Werken, so etwa Eugène List, dem er seine Fantaisie concerante widmete.

1953 komponiert, zählt das Stück zu den Spätwerken von Villa-Lobos. Die drei Sätze verdeutlichen exemplarisch die drei Grundcharaktere seiner Musik: neobarocke Motorik im einleitenden Allegro non troppo, mystische Ruhe im Lento-Mittelsatz, in dem die Bläser in Oktaven eine getragene Triolenmelodie über ruhigen Akkorden des Klaviers anstimmen; südamerikanisches Temperament im abschließenden Allegro impetuoso. Den beiden Bläsern wird ein Höchstmaß an Flexibilität abverlangt. Zwischen Terzaufgängen, Arpeggi, chromatischen Läufen, Triolenfigurationen und Laufpassagen sind lange Legatomelodien eingestreut. Und auch das Klavier beteiligt sich am lebhaften Dialog, der die fantastischen Züge einer “brasilianischen Fantasie” trägt.