Streichsextett | Kammermusikführer - Villa Musica Rheinland-Pfalz

Erwin Schulhoff

Streichsextett

Sextett für zwei Violinen, zwei Violen und zwei Violoncelli

Besetzung:

Werkverzeichnisnummer: 3109

Satzbezeichnungen

1. Allegro risoluto

2. Tranquillo – Andante

3. Burlesca. Allegro molto con spirito

4. Molto adagio

Erläuterungen

ERWIN SCHULHOFF
Streichsextett

Schlägt man in Reiseführern der Nachkriegszeit unter „Wülzburg“ nach, so findet man zwar bewundernde Beschreibungen der barocken Festungsanlage, aber keinen Hinweis darauf, dass die Deutschen in diesem Bollwerk oberhalb der Stadt Weißenburg in Mittelfranken Tausende von Juden interniert hatten. Die Wülzburg war das Sammellager für tschechische und polnische Juden, die zugleich Staatsbürger anderer Nationen waren. Hier wurde 1941 auch der tschechische Komponist Erwin Schulhoff interniert, seit den Dreißiger Jahren sowjetischer Staatsbürger und überzeugter Kommunist. Hatte ihn dies anfangs noch vor dem Zugriff der Nazis bewahrt, so wurde er nach dem Bruch des Hitler-Stalin-Pakts und dem Überfall der Deutschen auf Russland gleich mehrfach zum Opfer: als Jude, Kommunist, Sowjetbürger und als Komponist verfemter Musik.

Aus einem Bericht des russischen Mitgefangenen Lew Bereskin geht hervor, wie Schulhoff im Lager lebte. Er war von der Arbeitspflicht befreit, hatte aber wie alle anderen unter den Schikanen des Lagerkommandanten und eines Unteroffiziers zu leiden. Zu den „guten Deutschen“ im Lager gehörten der Vizekommandant, der die Lebensbedingungen der inhaftierten Intellektuellen zu verbessern versuchte, und der Krankenpfleger Prokopec, der über seine Station Leben rettete, so gut es ging. Erwin Schulhoffs Tod an Hals- und Lungentuberkulose am 28. August 1942 konnte er nicht verhindern.

In den „Goldenen Zwanzigern“ und den frühen Dreißiger Jahren lag dieses tragische Schlusskapitel seines Lebens noch in weiter Ferne. Damals zählte Schulhoff zu den führenden Vertretern der tschechischen Avantgarde. Seine gleichsam stürmische Entwicklung führte ihn von expressionistischen Anfängen über Dadaismus und Jazz zu einem eklektischen Reifestil, der auf den internationalen Festen der Neuen Musik zwischen 1925 und 1930 für Aufsehen sorgte. Unglücklicherweise wandte er sich danach dem Kommunismus zu, ging nach Moskau, wo er der Partei beitrat und sowjetischer Staatsbürger wurde, und verschwendete sein Talent an Propagandamusik wie die Vertonung des Kommunistischen Manifests. Seit Gidon Kremer seine reifen Werke in Lockenhaus Mitte der 1980er Jahre wieder einer breiteren Öffentlichkeit vorstellte, hat die Musik Schulhoffs eine Renaissance erlebt wie wohl keine zweite in der langen Reihe der von den Nazis ausgetilgten „entarteten Musik“. Das lange, fast könnte man sagen eiserne Schweigen der westlichen Musikwelt zum Werk der Nazi-Opfer schien mit einem Male gebrochen. Die Schulhoff-Renaissance war der Auftakt zu einer Rückerinnerung an die Vergessenen, die heute noch lange nicht abgeschlossen ist.

Das Streichsextett ist wohl das eindrucksvollste Werk aus Schulhoffs Reifezeit. Seine Uraufführung erlebte es 1924, im Zweiten Konzert der Donaueschinger Kammermusik-Aufführungen zur Förderung zeitgenössischer Tonkunst. Der Ahnherr der Donaueschinger Musiktage bestand damals noch aus gerade mal drei Konzerten mit neuer Kammermusik. In der Matinee am 20. Juli „vormittags 11 1/4 Uhr“, spielte das Zika-Quartett aus Prag unterstützt von Paul und Rudolph Hindemith an zweiter Bratsche und zweitem Cello die Uraufführung des Schulhoff-Sextetts. Der Rest des Programms bestand aus nicht minder bedeutsamen Novitäten: dem Streichquartett von Ernst Toch, den Hölderlin-Liedern von Josef Matthias Hauer und den sechs Bagatellen für Streichquartett von Anton Webern.

Für die große Tradition des Streichsextetts – von Brahms über Dvorak bis zu Schönbergs Verklärter Nacht – fand Schulhoff selbstbewusst eine eigenständige Lösung. Sein Werk ist zwar viersätzig wie die Brahms-Sextette, schließt aber mit einem Adagio; es suggeriert zwar flirrende Klangkaskaden wie die Verklärte Nacht, enthält sich aber direkter Programmusik.

Der erste Satz, 1920 in Dresden entstanden, verrät den Einfluss des Expressionismus. Es dominieren risolute Marschrhythmen und eine Dissonanz aus reiner und verminderter Quint (c-des-g). Der Satz nähert sich dadurch der atonalen Musik an, wie sie auch Hauer und Webern in ihren Uraufführungen am selben Tag anklingen ließen. Nur zwei Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs komponiert, könnte der Satz auch das Trauma des Großen Krieges widerspiegeln.

Der zweite Satz verarbeitet in freier Liedform eine von den Celli vorgestellte Kantilene. Im dritten Satz huldigte der Böhme Schulhoff der heimatlichen Folklore. Wie in seinem Streichquartett Nr. 1 und seinem Concertino für Flöte, Viola und Kontrabass verwendete er einen tschechischen Volkstanz im 5/8-Takt über Bordunklängen, der sich in freier Rondoform entfaltet.

Das Werk schließt mit einem expressiven langsamen Satz, der auf das doppelte Quintmotiv des Kopfsatzes zurückgreift. Wichtiger als Konstruktives sind hier die atmosphärischen Wirkungen eines bedrückenden Gesangs, in dem sich ein einziges Thema mal expressiv, mal wild zerklüftet gebärdet. Das Werk klingt in einem Cellosolo morendo, ersterbend aus – so, als habe Schulhoff im Jahre 1923 schon jenes Unheil geahnt, dass zehn Jahre später über die Welt hereinbrechen sollte.