"Se vuol ballare, Signor Contino" aus Die Hochzeit des Figaro, KV 492 | Kammermusikführer - Villa Musica Rheinland-Pfalz

Wolfgang Amadeus Mozart

"Se vuol ballare, Signor Contino" aus Die Hochzeit des Figaro, KV 492

Rezitativ und Cavatina des Figaro: “Se vuol ballare, Signor Contino”
aus Die Hochzeit des Figaro, KV 492

Besetzung:

Werkverzeichnisnummer: 3240

Satzbezeichnungen

Erläuterungen

MOZARTABEND

Mozart war nie in Schloss Engers. Das schlechte Wetter und die Jahreszeit verhinderten seinen Besuch im Kindesalter. Kurfürst Johann Philipp von Walderdorff hatte im Oktober 1763 angesichts widrigen Wetters und mangelnder Jagdlust sein Lieblings-Refugium bereits wieder verlassen, als der “musicant Motzard von Saltzburg” nebst Kindern in Koblenz eintraf. Die musikalischen Gäste fanden sich am 18. 1 0. im alten Residenzschloss Philippsburg ein und erhielten für ihre “Production” vom Kurfürsten 1 0 Louisd’or “recompence”. Ansonsten fühlten sich die Mozarts in hiesiger Gegend nicht eben heimisch: Der Hof sei “nicht brillant”, so Vater Leopold: “ Das meiste bestehet in Essen und tapfer trinken. Nun trinken wir halt auch gute Mosler Weine, und der hüninger bleicher ist ein delikater Wein”. Weniger delikat fanden Vater und Kinder das Essen, denn es fehlten ihnen die Mehlspeisen. Und dass man dafür auch noch in anderer Währung bezahlen musste als zuhause, bereitete Verdruss: “In Coblenz und dem ganzen Trierischen hatten wir eine andere Geld-Rechnung zu lernen. Denn da hörte unsere Reichsmüntze auf.” Von den Zeiten eines Euro waren die Mozarts noch ebenso weit entfernt wie vom gehobenen Tourismus im Weltkulturerbe Mittelrhein.

Es dauerte zwei Jahrzehnte, bis Mozart wieder am Hof der Kurfürsten von Trier auftauchte nicht in personam, sondern auf den Programmen der Hofkapelle. In seinen Konzerten in Engers und Schönbomslust, Kärlich und Koblenz führte das kurfürstliche Orchester Arien aus Figaro und Idomeneo, Sinfonien und ein Klavierkonzert von Mozart auf. Auch das Koblenzer Theater wurde 1787 mit der Entführung aus dem Serail eröffnet. Die Konzertprogramme jener Jahre 1783-1792 bestanden aus Sinfonien und Opernarien – wie unser Mozartabend aus dem Jahr 2002.

Schloss Engers ist nicht nur historisch, sondern auch optisch eine perfekte Kulisse für einen Mozartabend. Im Figaro wie in der Zauberflöte und im Don Giovanni spielen Schlösser eine zentrale Rolle: Das Schloss des spanischen Grafen Almaviva ist Dreh- und Angelpunkt für Figaros Hochzeit. Im Don Giovanni fordert der adlige Verführer das Bauernmädchen Zerlina auf, ihm auf sein Schloss zu folgen – einem Ort dramatischer Verwicklungen, wie wir wissen. In der Zauberflöte findet sich Prinz Tamino vor dem Weisheitstempel wieder. Unser Schloss schlüpft gleichsam in die Rolle dieser drei Gebäude.

Im Weisheitstempel

Den Tempel des Priesters Sarastro stellte man sich zu Mozarts Zeit wie eine Synthese aus Märchenschloss und antikem Polygon vor. Das beweisen etwa die Dekorationen zur Leipziger Aufführung von 1793. Schloss Engers trifft also nicht ganz die Erwartungen. Dennoch gilt auch für unser Schloss, was Tamino vom Tempel sagt bzw. singt: “Es zeigen die Pforten, es zeigen die Säulen, dass Klugheit und Arbeit und Künste hier weilen. “ Schon die Ouvertüre zur Zauberflöte lässt diese besondere Würde des Ortes erahnen. Die notorischen Posaunenakkorde kündigen es an, doch es dauert noch fast einen ganzen Akt, bis es Prinz Tamino gelingt, in den Tempel einzudringen. Papageno, sein unfreiwilliger Helfer, den wir in seiner Auftrittsarie als naiven Vogelfänger kennenlernen, ist merkwürdigerweise schneller: Er findet den Eingang zum Weisheitstempel sofort und dort auch Pamina. Bevor sich die beiden zur Flucht anschicken, singen sie ihr Duett Bei Männern, welche Liebe fühlen -der Tempel scheint so weitläufig zu sein, dass mit dem Eintreffen der Verfolger vorerst nicht zu rechnen ist. Dieser und noch anderer Widersprüche sind in Emanuel Schikaneders Libretto wahrlich genug. Der Schönheit der Musik tun sie keinen Abbruch.

Komm auf mein Schloss mit mir
An Vorschlägen, die man sich das Schoss des adligen Herrn Don Juan alias Don Giovanni vorustellen habe, mangelt es nicht. Joseph Losey wählte in seinem Don Giovanni-Film Paladios Villa Rotonda in der Nähe von Vincenza, ein Renaissance-Landschloss. Hans-Josef Ortheil verlegte die Handlung in seinem Roman Die Nacht des Don Juan in ein Stadtpalais.

Letzteres ist zweifellos richtiger, denn Don Giovanni ist eine Oper in der Stadt und nicht auf dem Lande. Die versuchte Vergewaltigung der Donna Anna und der Totschlag ihres Vaters zu Beginn der Oper spielen sich vor dem Stadtpalast des Commendatore ab, ebenso die folgende Szene, in der donna Elvira in den Straßen von Sevilla herumirrt, um Don Giovanni zu suchen. Leporello liest ihr in seiner “Registerarie” die Leviten aus dem Eroberungskatalog seines Herrn – mitten auf der Straße einer südspanischen Stadt in einer Sommernacht.

Der Palazzo des Don muss an einer Straße lieben, die aufs Land hinausführt, sonst träfe er auf dem Heimweg kaum auf den Bauern Massetto uns seine Braut Zerlina. Letztere ist ein gebildetes Bauernmädel, das zumindest die Apotheken der Stadt gut kennt. Um ihren von Don Giovanni verprügelten Bräutigam zu versöhnen, verspricht sie Masetto eine Medizin, die er nicht beim Apotheker kaufen könne, etwas Homöopathisches sozusagen – mehr erotische Phantasie als Pharmazier. Monzart hat Zerlinas Arie in eine kleine Studie über das Klopfen des Herzens und die Wallungen des weiblichen Busens verwandelt.

Lange vor dieser Szene fälltt Zerlina, auf den Charme des Don herein: “Reich mir die Hand!” Doch ganz ehrlich: Wer könnte einer Melodie wie Là ci darem widerstehen? Das Werben eines Mannes und das Nachgeben einer Frau sind selten schöner erfasst worden als von Mozart in dem “kleinen Duett” mit der großen Melodie. Dass Zerlina letzendlich doch nicht zur Nr. 1004 im Spanienkapitel von Leporellos Register wird, erfassen wir beim turbulenten Ball im Schloss des Grafen. Doch das ist eine andere Geschichte…

Im Palazzo Almaviva

Das Schloss, in dem Graf Almavia, Figaros Herr und Meister, residiert, könnte gut und gern Schloss Engers gewesen sein. Fast alle Winkelzüge des Schlaugen Dramas Figaros Hochzeit hängen mit den baulichen Gegebenheiten in einem spätbarocken Schloss zusammen, wie wir sie in Engers vorfinden. Bekanntlich gibt es in solchen Häusern klinere Kabinette, die als Durchgangszimmer zwischen den Gemächern der Herrschaften dienen. Genau dorthin – sagen wir ins Rosenkabinett von Schloss Engers – hat der gnädige Herr das Brautpaar Susanna und Figaro dirigiert, um sich häuslich ein. zurichten, “Ein schmuckes Zimmer”, denkt Figaro, Susanna dagegen hat den Grunddriss genauer studiert und den galanten Haken in der gräflichen Gro8mut entdeckt: Der Conte wäre mit ein paar Sprüngen bei ihr, um sie auf wahrhaft noble Weise zu befriedigen. Rasch schwindet Figaros Begeisterung für das Kabinett, Er schleudert dem Grafen seine Aufforderung zum Tanz entgegen, die Mozart in den Rhythmus des Menuetts kleidete.

Vor Schlössern standen bekanntlich Wachen, und so ist Figaros Arie Non più andrai mehr als nur eine lose Drohung. Der Graf, erzürnt über die subversive Erotik das Pagen Cherubino, schickt diesen bekanntlich unter die Soldaten – sprich: hinunter auf den Hof. Zum Garderegiment waren es ja nur ein paar Schritte. Genüsslich malt Monzart Orchester die Marschmusik der gräflichen Militärkapelle aus. Schloss Engers im Westflügel der Beletage wohnen. Man kann sich gut vorstellen, wie sie versonnenen Blicks am Fenster steht und dem Rhein ihre Cavatina Porgi amor entgegen singt. Der Wandschrank ihres Schlafzimmers (auch in Engers gibt es einen solchen) wird zum Dreh- und Angelpunkt des ersten Finales.

Noch besser nach Engers passt das Finale des vierten Aktes, denn hier bilden zwei absolut identische Pavillons die beiden Scheren der Mausefalle, in die Graf Almaviva gelockt wird. Die Kavaliershäuser von Engers geben die räumliche Situation vollendet wieder. Wenn Susanna im Gewand ihrer Herrin zwischen den Kavaliershäusern steht bereit zur entscheidenden Intrige – singt sie in der “Rosenarie” in Gedanken ihren geliebten Mann herbei. Durch Mozarts Musik weht gewissermaßen der Duft eines Rokokogartens in einer lauen Sommernacht.