"Se vi duol il mio duolo" | Kammermusikführer - Villa Musica Rheinland-Pfalz

Carlo Gesualdo

"Se vi duol il mio duolo"

“Se vi duol il mio duolo”

Besetzung:

Werkverzeichnisnummer: 3312

Satzbezeichnungen

Erläuterungen

Don Carlo Gesualdo, Fürst von Venosa, war das Oberhaupt einer der mächtigsten Adelsfamilien im spanischen Vizekönigreich Neapel. Er residierte wechselweise in seinem Palazzo in Neapel und östlich der Metropole im Familienpalast, der heute noch über dem Städtchen Gesualdo thront. Dort schuf er für eine erlesen Schar von Hofmusikern seine düster leidenschaftlichen Madrigale, die fast immer von Liebesleid und Tod erzählen. Die chromatischen Fortschreitungen des Madrigals “Se vi duol il mio duolo” gewähren uns einen tiefen Einblick in die Abgründe dieses Exzentrikers des Madrigals an der Schwelle zum Barock.

Als der Genueser Domkapellmeister Simone Molinari 1613 die sechs Madrigalbücher des Carlo Gesualdo herausgab, widmete er sie “dem übereinstimmenden Ruhm der treuen Liebhaber der Harmonie.” Der Ruhm des reichen Fürsten aus Süditalien nicht etwa als Politiker, sondern als Komponist hatte sich damals längst über Italien verbreitet, und Molinari konnte deshalb hemmungslos in das Lob seiner Madrigale verfallen, jener “tonreichen Perlen, die in der Muschel der ewigen Schönheit durch die Strahlen des Fürsten von Venosa entstanden sind, Venus im Verein mit den Grazien, und Sonne der musikalischen Tugend.” Die Lebenswirklichkeit Don Carlo Gesualdos in seinem letzten Lebensjahr 1613 sah denkbar anders aus und war von der “Tugendsonne” weit entfernt. Er beschäftigte auf seinem Landsitz in Gesulado eine Gruppe von Knechten eigens zu dem Zweck, ihn täglich auszupeitschen – aus religiösem Wahn und um seine Peristaltik zu befördern. Trost fand er einzig in der ekstatischen Verehrung seines Patenonkels Carl Borromäus, des Bruders seiner Mutter. Der Heilige Karl Borromäus, 1586 als Erzbischof von Mailand und Kardinal verstorben, war bereits 1610 heiliggesprochen worden. Sein Patensohn Carlo Gesualdo, zermartert vom Bewusstsein eigener Sünde und Schuld, hoffte auf seine Fürsprache beim jüngsten Gericht.

In der inbrünstigen Frömmigkeit das alternden Don Carlo kam vielleicht seine Reue für seine früheren Verfehlungen zum Vorschein. Der Mord an seiner ersten Frau Maria d’Avalos und ihrem Liebhaber, dem Herzog von Andria, lag damals schon 23 Jahre zurück. 1590 in Neapel hatte er die Beiden kaltblütig in die Falle gelockt, um sie in flagranti zu ertappen und sofort die “venedetta” zu vollziehen. Den Ehebrecher ließ er von seinen Knechten abschlachten, seine untreue Gemahlin aber tötete er eigenhändig und zog sich danach auf seine Güter zurück, unbehelligt vom spanischen Vizekönig und dessen Schergen. Zu tief war das uralte Recht der Vendetta in der Gesellschaft Süditaliens verankert. Ganz Italien aber erstarrte vor Entsetzen über die Bluttat. Tasso und andere Dichter schrieben dem ermordeten Liebespaar mitleidige Verse nach.

Die Chance zur Rehabilitierung des jungen Fürsten kam bereits drei Jahre später. Durch seine Hochzeit mit Leonora d’Este in Ferrara 1593 sollten die Ansprüche des Heiligen Stuhls auf die Renaissancestadt in der Romagna gewahrt werden. (Tatsächlich fiel Ferrara 1594 an den Kirchenstaat.) Don Carlo freilich nutzte die Heirat einzig zu dem Zweck, das damals konkurrenzlose Musikleben am Hofe der Este mit vollen Zügen in sich aufzusaugen. Außer der Leidenschaft für Musik konnte den notorischen Schweiger nur die Jagd zu einem aufdringlichen Redeschwall animieren. In Norditalien vermerkte man abschätzig, dass er diesen beiden Passionen mit einem “affetto napoletanissimo”, einer typisch neapolitanischen Zügellosigkeit fröne. Die Leidenschaft in seiner zweiten Ehe beschränkte sich dagegen auf die Zeugung eines Sohnes, der bereits im Kindesalter starb. Entsprechend unglücklich war Leonora. Sie verzichetete freilich auf die vom Papst schon genehmigte Scheidung und blieb ihrem Mann auch in seinen letzten Lebensjahren treu.

Es ist reizvoll, wenn auch historisch durchaus umstritten, die Madrigale Gesualdos in dieses düstere Lebensbild einzuordnen, sprechen sie doch von nichts anderem als von Schmerz, Leid und Tod. Der Text von Se vi duol il mio duolo spricht in dieser Hinsicht gewissermaßen Bände.