Passacaglia g-Moll | Kammermusikführer - Villa Musica Rheinland-Pfalz

Heinrich Ignaz Franz Biber

Passacaglia g-Moll

Passacaglia g-Moll für Violine solo (aus den Rosenkranz-Sonaten)

Besetzung:

Werkverzeichnisnummer: 3823

Satzbezeichnungen

Erläuterungen

2002
H.I.F.BIBER
Passacaglia g-Moll

Der Böhme Heinrich Ignaz Franz Biber, der sich nach Verleihung des Adelstitels „Biber von Bibern“ nannte, war der große Antipode Schmelzers auf dem Parnass der österreichischen Geigenkunst. Der Sohn eines böhmischen Jägers stand nicht in kaiserlichen, sondern in fürstbischöflichen Diensten, zuerst in Kremsier, dann in Salzburg. Das Prestige, das ihm diese Stellungen verschafften, war kaum geringer als das eines kaiserlichen Musikers, hielt doch Leopold I. die Kapelle des Fürstbischofs Karl von Liechtenstein-Kastelkorn in Kremsier für besser als seine eigene!

Es ist nicht verwunderlich, dass zwischen zwei so exponierten und extrovertierten Geigern wie Schmelzer und Biber Rivalitäten entstanden: Schmelzer verwandelte eine Solosonate Bibers gehässig in eine Triosonate, Biber ruhte nicht, bis er wie sein Kollege in den Adelsstand erhoben worden war. Auf dem Weg zu dieser Standeserhöhung widmete er seinem Fürstbischof Max Gandolph von Salzburg mehrere Opera, darunter die Mensa sonora, eine Sammlung von Tafelmusik für Streicher, und die bekannten Mysterien- bzw. Rosenkranzsonaten.
In letzteren gipfelt nicht nur das polyphone Spiel auf der Barockgeige vor Bach, sondern auch die hochbarocke Allegorie in der Instrumentalmusik. In 15 Sonaten für Violine und Basso continuo beschrieb Biber die „fünfzehn heiligen Mysterien“ der Gottesmutter, und zwar als persönliche Huldigung an seinen Erzbischof, der ein glühender Verehrer eben jener marianischen Mysterien war. Die Sonaten sind den fünf freudenhaften, fünf schmerzhaften und fünf glorreichen Mysterien der Gottesmutter gewidmet. In dem für Erzbischof Gandolf bestimmten Prachtexemplar des Werkes – eine Handschrift, kein Druck – ist das jeweilige Myterium durch eine kleine Federzeichnung vor der Sonate angezeigt. Am Ende der Serie, die dadurch berühmt-berüchtigt wurde, das jede Sonate eine andere Saitenstimmung verlangt, steht als 16. Stück eine Passacaglia für Violine solo. In der Handschrift geht ihr die Darstellung eines Schutzengels voran. Man kann die Passacaglia also durchaus als „Schutzengel-Sonate“ verstehen, wodurch auch ihre Struktur zum Symbol wird. Wie der Schutzengel den Menschen auf allen seinen Wegen geleitet, so geleitet der immer gleiche Bass die Violine durch alle harmonischen Höhen und Tiefen. Man darf dabei auch an den Ursprung des Wortes Passacaglia denken, nämlich „passar le calle“ – „durch die Straßen gehen“.

Biber hat diese Passacaglia wie die 15 anderen Sonaten vermutlich selbst in den Privatandachten seines Bischofs in einer kleinen Loreto-Kapelle am Salzburger Nonnberg gespielt. Dort vollzog sich, 40 Jahre vor Bachs Chaconne, das erste Mysterium solistischer Geigenkunst über einem gleichbleibenden Bass. Es entspricht ganz der Pietas austriaca, der sprichwörtlichen Frömmigkeit des Erzhauses und seiner assoziierten Fürsten, dass sich dieses musikalische Ereignis zu Ehren der Gottesmutter vollzog.

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Mit Fug und Recht könnte man Heinrich Ignaz Franz Biber den „Corelli Österreichs“ nennen. Kein anderer Geiger nördlich der Alpen hat so systematisch das Areal barocken Violinspiels durchforstet, kein zweiter hat so viel für die Etablierung der Violinsonate und der Triosonate getan wie er. Eigentlich war es ein Zufall, dass der Sohn eines gräflich-liechtensteinischen Jägermeisters aus Wartenberg in Böhmen später bei einem Grafen jenes Geschlechts seine Karriere begann. Der musikliebende Karl von Liechtenstein-Kastelkorn, Bischof von Olmütz, berief den jungen Geiger als Kammerdiener in sein noch heute beeindruckendes Schloss nach Kremsier. Dort begann eine der glänzendsten Musikerkarrieren des Barock – vom Lakaien zum adligen Truchsess.

Bibers geigerische Erfindungsgabe dokumentiert sich am deutlichsten in seinen großen Salzburger Zyklen wie „Mensa sonora“, „Harmonia artificioso-ariosa“ oder den „Rosenkranzsonaten“. In Letzteren gipfelt nicht nur das polyphone Spiel auf der Barockgeige vor Bach, sondern auch die hochbarocke Allegorie in der Instrumentalmusik. In 15 Sonaten für Violine und Basso continuo beschrieb Biber die „fünfzehn heiligen Mysterien“ der Gottesmutter, und zwar als persönliche Huldigung an Erzbischof Max Gandolf von Kuenburg, der ein glühender Verehrer eben jener marianischen Mysterien war. Die Sonaten sind den fünf freudenreichen, fünf schmerzhaften und fünf glorreichen Mysterien der Gottesmutter gewidmet.

In dem für Erzbischof Gandolf bestimmten Prachtexemplar des Werkes – eine Handschrift, kein Druck – ist das jeweilige Mysterium durch eine kleine Federzeichnung vor der Sonate angezeigt. Am Ende der Serie, die dadurch berühmt-berüchtigt wurde, das jede Sonate eine andere Saitenstimmung verlangt, steht als 16. Stück eine Passacaglia für Violine solo. In der Handschrift geht ihr die Darstellung eines Schutzengels voran. Man kann die Passacaglia also durchaus als „Schutzengel-Sonate“ deuten, was ihrem Aufbau symbolische Bedeutung verleiht. So, wie der Schutzengel den Menschen auf allen seinen Wegen geleitet, so begleitet der immer gleiche Bass die Violine durch alle harmonischen Höhen und Tiefen. Man darf dabei auch an den Ursprung des Wortes Passacaglia denken, nämlich „passar le calle“ – „durch die Straßen gehen“.

Biber hat diese Passacaglia wie die 15 anderen Sonaten vermutlich selbst in den Privatandachten seines Bischofs in einer kleinen Loreto-Kapelle am Salzburger Nonnberg gespielt. Dort vollzog sich, 40 Jahre vor Bachs Chaconne, das erste Mysterium solistischer Geigenkunst über einem gleichbleibenden Bass. Es entspricht ganz der Pietas austriaca, der sprichwörtlichen Frömmigkeit des Erzhauses und seiner assoziierten Fürsten, dass sich dieses musikalische Ereignis zu Ehren der Gottesmutter vollzog.