Vier Bagatellen | Kammermusikführer - Villa Musica Rheinland-Pfalz

Ivan Spasov

Vier Bagatellen

Vier Bagatellen (1967)

Besetzung:

Werkverzeichnisnummer: 3845

Satzbezeichnungen

1. Improvisato

2. Grazioso

3. Serioso

4. Energico

Erläuterungen

2002
IVAN SPASOV
Vier Bagatellen (1967)

Zwischen Plovdiv und Mainz liegt nicht nur eine ziemliche geographische Distanz, die Musiker aus beiden Städten einmal im Jahr im Dienste des Kulturaustauschs überwinden, es liegt auch eine Informationsbarriere zwischen beiden Ländern. Was in Bulgarien an Neuer Musik produziert wird, ist hierzulande nahezu unbekannt. Dies hängt nicht zuletzt mit der eigenartigen Entwicklung eines Landes zusammen, in dem sich das Parlament noch 1913 heftig gegen die Errichtung des ersten Opernhauses in der Hauptstadt Sofia wehrte. Heute hat sich dies grundlegend geändert. Analog zu Griechenland oder Rumänien fanden die Bulgaren musikalisch zu sich selbst, indem sie einerseits westliche Ausbildungsstandards übernahmen, andererseits kompositorisch ihre Folklore verarbeiteten. Einer der bekanntesten bulgarischen Komponisten, die beides, moderne Ausbildung und nationalen Stil, verkörperten, war der 1996 verstorbene Ivan Spasov.
1934 in Sofia geboren, lag ihm die Musik gleichsam im Blut: seine Mutter war Geigerin an der Sofioter Oper. In den 50er-Jahren studierte er bei Panco Vladigerov an der Musikakademie Sofia. 1960-62 folgte ein Aufbaustudium an der Warschauer Musikhochschule, 1968 die Teilnahme an den Internationalen Ferienkursen in Darmstadt. Aus diesen drei Stationen erklären sich die drei wichtigsten Stileinflüsse, die seine mehr als 120 Werke prägen: die “polnische Schule” um 1960, die Zwölftontechnik und das bulgarische traditionelle Lied.

Unser Beispiel, die Vier Bagatellen für Flöte und Klavier von 1967, zeigen noch einen weiteren Einfluss: die Aleatorik, die Spasov in den späten 1960er-Jahren verstärkt einsetzte. Die erste Bagatelle mit dem Titel Improvisato (Improvisiert) ist ein Beispiel dieser “Zufallsmusik”, eines nicht durchgearbeiteten Zusammenhangs. Die anderen drei Sätze sind stärker strukturierte, zwölftönige Miniaturen.

Mit Plovdiv, der Heimat unserer Interpreten, war Spasov eng verbunden. 1962 wurde er Dirigent des dortigen Symphonieorchesters, 1984 Professor an der Akademie für Musik und Tanz, schließlich 1989 deren Rektor.