Sequenza | Kammermusikführer - Villa Musica Rheinland-Pfalz

Luciano Berio

Sequenza

Sequenza für Flöte solo (1958)

Besetzung:

Werkverzeichnisnummer: 3964

Satzbezeichnungen

Erläuterungen

2000
LUCIANO BERIO

Luciano Berio ist der bedeutendste zeitgenössische Komponist Italiens. In den 50er Jahren begann er, mit ungewöhnlichen Anschauungen die damals starre Avantgarde aufzubrechen. Seitdem hat er eine große Zahl unterschiedlicher Ansätze verfolgt, von der elektronischen Musik über Experimente mit Stimmen und Orchester (Sinfonia) bis hin zur fast traditionell gedachten Oper.
Der bedeutendste Zyklus in Berios Kammermusik sind die neun „Sequenza“ genannten Werke für je ein Soloinstrument bzw. Sologesang ohne Begleitung. Die Sequenz ist eine Form der Gregorianik, in Berios Verständnis hat der Begriff jedoch, wie er selbst sagt, „keine Beziehung zur mittelalterlichen Kirchenmusik, sondern rührt von der Tatsache her, daß diese Stücke hauptsächlich auf Sequenzen harmonischen Charakters und verschiedenen Typen instrumentaler Aktionen basieren“. Um welche Art von „Aktionen“ es geht, zeigen exemplarisch Sequenza I für Flöte (1958) und Sequenza VII für Oboe solo (1969). Es geht um die Entdeckung neuer Klangräume und -farben für das Instrument, aber auch um eine Abwehr gegen die sogenannte „serielle Musik“, in der alle Parameter eines Musikstücks von vornherein festgelegt werden. Für Berio können „die seriellen Verfahrensweisen überhaupt nichts (an sich selber) garantieren“, keine Idee sei „so miserabel, als daß sie nicht am Ende serialisiert werden könnte, wie man ja auch Gedanken und Bilder, die des Interesses entbehren, in Verse setzen kann.“ In seinen Sequenzen gehe es ihm vielmehr um „die Erweiterung der musikalischen Mitel – im umfassendsten Sinn verstanden“.

SEQUENZA I (1958) für Flöte

Die Sequenza (erst später Sequenza I genannt) für Flöte allein ist dem Interpreten der Uraufführung bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik, Severino Gazzelloni, gewidmet. Mit diesem Stück begründete Berio „eine ganze Gattung des neo-virtuosen Solistenstücks auf der Basis der verschiedenen Aspekte von serieller und parametrisch gedachter Musik, zu der später eine große Zahl seiner Komponistenkollegen zahlreiche Beispiele beigetragen haben. Schon Sequenza selbst ist dabei nicht eindeutig Note für Note seriell ableitbar. Offenbar permutiert Berio die am Anfang exponierte, überwiegend chromatische Zwölftonstruktur durch das ganze Stück auf eine irreguläre, praktisch nicht rekonstruierbare Art. Außer gestischen Momenten wiederholt sich nichts im ganzen Stück. Von Anfang an werden Ambitus und Dynamik des Instruments weiträumig genutzt. Das auf fünf leporelloartig gefalteten Seiten notierte Stück benutzt anstelle von Taktstrichen Zeiteinheiten, in denen die Töne annähernd nach ihrer graphischen Plazierung gespielt werden. Ein permanentes Rubato ist die beabsichtigte Folge. Kantable Momente, wie die berühmte fallende große Sekunde in hoher Lage am Ende der Reihenexposition, wechseln mit Staccato-, Arpeggio-, Tremolo-Folgen, gebundenes Spiel mit Doppel-, Tripel- und Flatterzungen. Flageoletts und perkussive wie hauchende Geräuscherzeugung finden sparsamste und Mehrklänge (‚multiphonics‘) noch gar keine Anwendung. Sequenza ist nach Syrinx (1913) von Claude Debussy und Density 21.5 (1936) von Edgard Varese ein Repertoirestück der neuen Musik.“ (R. Oehlschlägel)