Kammermusikführer - Villa Musica Rheinland-Pfalz: Duo G-Dur, KV 423

Wolfgang Amadeus Mozart

Duo G-Dur, KV 423

Duo G-Dur, KV 423

Besetzung:

Werkverzeichnisnummer: 4087

Satzbezeichnungen

1. Allegro

2. Adagio

3. Rondeau. Allegro

Erläuterungen

Wolferl am Klavier. So stellen sich wohl die meisten Musikfreunde Mozart vor, so kennt man ihn aus Filmen, aus seinen Klaviersonaten und –konzerten. Dass Mozarts zweites Hauptinstrument die Geige war, wird allzu leicht vergessen. Sein Vater Leopold war nicht umsonst der erfolgreichste deutsche Violinpädagoge der Aufklärungszeit, Autor der wichtigsten Violinschule des 18. Jahrhunderts. Systematisch hat er auch seinen eigenen Filius ans Geigenspiel herangeführt – mit Erfolg. Schon auf der großen Reise durch Westeuropa 1763 bis 1766 ließ sich der kleine Wolfgang immer auch auf der Geige hören, während sich die ältere Schwester Nannerl ausschließlich am Cembalo produzierte. Das Publikum in Mannheim und Mainz, Frankfurt und Koblenz bewunderte Mozarts Geigenspiel damals nicht weniger als seine Tastenkunststücke.

Solange er in Salzburger Diensten stand, hat er seine Geigerkarriere mit Akribie verfolgt. 1772 wurde er zum Konzertmeister der Hofkapelle ernannt und leitete seitdem für mehrere Jahre die Orchesterkonzerte in der Salzburger Residenz und in Schloss Mirabell von der ersten Geige aus. Die Kammermusik wurde im „Tanzmeisterhaus“ der Familie Mozart unweit vom Mirabellgarten täglich gepflegt. Dabei „begleitete“ Mozart auf der Geige seine Cembalo spielende Schwester oder reihte sich mit der Bratsche in ein Divertimento ein. Noch auf der großen Reise nach Mannheim und Paris, die er 1777 an der Seite seiner Mutter antrat, spielte er gelegentlich öffentlich, „als ob ich der größte Geiger in Europa wäre“. Erst die Übersiedlung ins „Clavierland Wien“ brachte die Entscheidung zugunsten des Klaviers, das fortan seine Lebensgrundlage bildete. Geige und Bratsche spielte er nur noch in der Kammermusik – in seinen herrlichen Wiener Quartetten und Quintetten, auch im Streichtrio KV 563.

Seine beiden Duos für Violine und Viola dagegen hat er 1783 bei seinem letzten Ausflug nach Salzburg komponiert – gewissermaßen in Erinnerung an frühere geigerische Höhenflüge in der Heimat. Im Sommer 1783 reiste Mozart von Wien nach Salzburg, um seinem Vater endlich seine Ehefrau Constanze vorzustellen. Es war eine unterkühlte Begegnung, denn das Misstrauen gegen die „Weberische“ Schwiegertochter saß beim alten Witwer Leopold tief.

Kaum war Mozart in seiner Vaterstadt eingetroffen, als ihn sein alter Kollege Michael Haydn um einen Gefallen bat: Der Salzburger Domorganist und jüngere Bruder des berühmten Joseph Haydn hatte von Fürsterzbischof Hieronymus von Colloredo den Auftrag erhalten, sechs Duos für Geige und Bratsche zu schreiben – zum Plaisir des Geige spielenden Serenissimus. Nach dem vierten Stück versagte freilich Haydns Inspiration – vielleicht ertränkt im Alkohol, dem er allzu hemmungslos zusprach. Die Zeit drängte, also sprang Mozart kurzerhand ein und schrieb die beiden noch fehlenden Duos. Michael Haydn soll sie zeitlebens zum Andenken an diesen Freundesdienst besonders gehütet haben.

Für Mozart war die Notsituation des Freundes eine willkommene Gelegenheit, seinem verhassten ehemaligen Dienstherrn zwei eigene Werke unter dem Namen Michael Haydns unterzuschieben. Ob der Fürsterzbischof, der durchaus solide Geige spielte, den Unterschied bemerkte und den wahren Urheber der beiden Duos erriet? Schon die technischen Hürden dürften ihm unangenehm aufgestoßen sein, denn der aus Salzburg verstoßene Mozart kannte die geigerischen Stärken und Schwächen des Serenissimus genau, hatte Colloredo doch die Angewohnheit, im Hofkonzert Sinfonien am Pult der ersten Geige mitzustreichen.

Der erste Satz des G-Dur-Duos ist gespickt mit technischen Finessen für die Geige: Läufe, kurze Vorschläge und Zweierbindungen im ersten Thema, Doppelgriffe und Lagenwechsel in der Überleitung, ein zweites Thema in tiefer Lage für die G-Saite. Im Schlagabtausch der beiden Instrumente entfaltet sich ein anspruchsvolles Sonaten-Allegro mit langer Durchführung – nicht das, was man klassischerweise von einem einfachen Duo erwartete.

Für den Mittelsatz schrieb Mozart das bei ihm seltene Adagio vor – eine Mahnung zu ruhigem Spiel angesichts der vielen Verzierungen in beiden Stimmen. Die Ornamente sind aber nicht Selbstzweck, sondern sie verleihen der schönen Melodie „sprechenden“ Ausdruck. Die vielen kleinen Noten dürften den Fürsterzbischof seinerzeit ziemlich ins Schwitzen gebracht haben.

Auch im Rondeau geizte Mozart nicht mit Einfällen. Schon das Thema im Rhythmus eines Rigaudon zählt zu seinen eingängigsten Tanzthemen. Im ersten Couplet werden Hornquinten der Bratsche von Triolen der Geige beantwortet, im zweiten Couplet kommt es zu einem strengen Kanon in e-Moll. Ein g-Moll-Thema bringt gewagte Chromatik ins Spiel, bevor die beiden Spieler zum strengen Kanon zurückkehren und unversehens den Rückweg zum Rondothema einschlagen. Triolen und andere Figurationen beenden den Satz höchst effektvoll. Am Ende konnte sich der Fürsterzbischof wahrlich nicht darüber beschweren, unterfordert zu sein!