Kammermusikführer - Villa Musica Rheinland-Pfalz: Berceuse élégiaque, op. 42

Ferruccio Busoni

Berceuse élégiaque, op. 42

“Des Mannes Wiegenlied am Grab seiner Mutter” (Bearbeitung von Erwin Stein)

Besetzung:

Werkverzeichnisnummer: 4254

Satzbezeichnungen

Erläuterungen

Ferruccio Busoni
Berceuse élégiaque

Der Komponist und Klaviervirtuose Ferruccio Busoni war ein Wanderer zwischen den musikalischen Welten Deutschlands und Italiens. 1866 in Empoli bei Florenz geboren und 1924 in Berlin gestorben, galt er den Italienern als Deutscher, den Deutschen als Italiener. Das Klavierwunderkind Busoni hatte seine pianistische und kompositorische Ausbildung im Norden erhalten und blieb im Geschmack zeitlebens germanophil. Gleichwohl vermied er es, in die Fahrwasser jener Sentimentalität zu geraten, wie sie in Deutschland bei den Epigonen eines Franz Liszt üppig blühte. Busonis englischer Biograph Edward Dent hat dies auf eine einfache Formel gebracht: “Er war genug Lateiner, um die Sentimentalität der zweitrangigen deutschen Komponisten zu scheuen, und im selben Augenblick genug Deutscher, um nicht in eine Sentimentalität italienischer Prägung zu verfallen.”

In Busonis Frühwerken bis 1900 kommt diese Zwitterstellung deutlich um Ausdruck. Danach gewann immer mehr seine ureigenste künstlerische Persönlichkeit die Oberhand: ein Experimentieren jenseits der Traditionen, ganz im Sinne der frühen Moderne. Ein Hauptwerk dieser neuen, ganz vom Gefühl geleiteten Ästhetik war die Berceuse élégiaque für Orchester.

Kein Geringerer als Gustav Mahler brachte dieses “elegische Wiegenlied” mit den New Yorker Philharmonikern am 21. Februar 1911 zur Uraufführung. Nicht nur Mahler, sondern auch Richard Strauss waren vom Klang und der eigenwilligen Aura dieses Trauerstücks fasziniert. Busoni hatte es nach dem Tode seiner über alles geliebten Mutter 1909 geschrieben und ihm deshalb den Untertitel “Des Mannes Wiegenlied am Sarg seiner Mutter” gegeben.

Für den Dirigenten der Uraufführung sollte sich dieses Begräbnis-Szenario als düstere Vorahnung erweisen: Der New Yorker Abend, an dem er Busonis Berceuse aus der Taufe hob, war Gustav Mahlers letztes Konzert. Wenige Tage später erkrankte er an einer Endokarditis, einer damals lebensgefährlichen Streptokokken-Infektion des Herzens. Sein New Yorker Arzt Joseph Fraenkl verharmloste den Befund dem Patienten gegenüber zu einer Grippe, so dass Mahler noch bis April in New York blieb und erst dann mit letzten Kräften die Heimreise nach Wien antrat. Dort starb er am 18. Mai 1911. Busonis elegische Berceuse war sozusagen Mahlers vorgezogener Begräbnisgesang.

In Wien waren diese tragischen Zusammenhänge noch bekannt, als sich zehn Jahre später ein Schüler Schönbergs dazu entschloss, Busonis Berceuse für kammermusikalisches Ensemble zu arrangieren. Diese Bearbeitung war für den von Schönberg gegründeten Verein für musikalische Privataufführungen bestimmt. “Ziel des Vereins war die Vermittlung der zeitgenössischen Musik aller Stilrichtungen in sorgfältig vorbereiteten Aufführungen, seine wesentlichen Grundsätze waren der nichtöffentliche Charakter der Vereinskonzerte unter Geheimhaltung des genauen Programms, die Wiederholung von Werken und das Verbot von Beifalls- bzw. Missfallensbekundungen.” (Iris Pfeiffer) Wie Alban Berg in der Originalbroschüre ausführte, bildete gerade die kammermusikalische Übertragung von Orchesterwerken einen besonderen Reiz: “Es ist nämlich auf diese Weise möglich, moderne Orchesterwerke – aller Klangwirkungen, die nur das Orchester auslöst, und aller sinnlichen Hilfsmittel entkleidet – hören und beurteilen zu können.” Im November 1918 war es zur Gründung des Vereins gekommen, der in wöchentlichen Aufführungen seinen Mitgliedern das gesamte Spektrum der zeitgenössischen Musik präsentieren wollte – “alles, was Namen, oder Physiognomie, oder Charakter hat”.
Zu den Komponisten, denen man alle drei Eigenschaften zuschreiben durfte, gehörte auch Ferruccio Busoni, von dem zuerst Klavierwerke im Verein erklangen. Dann entschloss sich der Schönberg-Schüler Erwin Stein zur Bearbeitung der Berceuse. Während sein Lehrer 1920/21 in Holland weilte, hatte Stein nämlich als Stellvertreter die Leitung des Vereins übernommen, wie Iris Pfeiffer vom Arnold Schönberg Center in Wien ausführt: “Durch ihn bzw. unter seiner Aufsicht entstand eine Reihe von – oftmals von Schönberg aus der Ferne angeregten – Bearbeitungen, erhalten ist vermutlich nur ein Teil dieser Arrangements. Selbst als Kapellmeister tätig, schätzte Stein das Kammerorchester besonders. So schrieb er nach einer Aufführung der Bearbeitung von Max Regers Romantischer Suite (Rudolf Kolisch) an Schönberg: ?Überrascht waren alle von dem warmen und klaren Klang des Kammerorchesters. Ich habe zu der Idee des Kammerorchesters überhaupt das größte Zutrauen, wenn auch das gewisse Blech bis jetzt an manchen Stellen nicht zu ersetzen ist.’ (15.10.1920) Besonders interessierte sich Stein für den Einsatz des Harmoniums bei diesen Bearbeitungen: ?Ihr Harmonium [Schönbergs Harmonium ist nun wieder im Mödlinger Schönberg-Haus zu besichtigen!] steht in meinem Zimmer. […] Da steht es gewiß geschützter als in der Nibelungengasse und ich kann es auf Leistungsfähigkeit in Dynamik, Farben und Bewegung für die Kammerorchesterbearbeitungen gut ausprobieren. Ich habe alle, die Bearbeitungen machen, aufgefordert, sich das Harmonium bei mir anzusehen.’ (13.11.1920)”. Das Harmonium wird in unserer Aufführung durch ein Keyboard ersetzt.

In seinen Briefen an den Meister zählte Stein die Bearbeitungen jener Monate auf: “einige Mahler-Lieder, Hiller-Variationen, Debussy, L’après-midi d’un faune (Sax), Strauss, Eulenspiegel (den Kolisch gern versuchen wollte) und die 4. Mahler-Symphonie” (Brief
an Schönberg, 13.11.1920).

Im Herbst 1921 stellte Stein nach ähnlichen Prinzipien seine Bearbeitung von Busonis Berceuse élégiaque fertig. Während sich eine Aufführung dieses Arrangements für Wien nicht nachweisen lässt, hat eine solche 1923 in Hamburg unter der Ägide von Hans Heinz Stuckenschmidt stattgefunden. Der Iniziator schrieb damals an Ferruccio Busoni: “Auf Anlass Schönbergs wurde seinerzeit von Erwin Stein eine Bearbeitung der Berceuse élégiaque für Kammerorchester […] vorgenommen, die wir in unserem ersten Konzert aufführen werden.” (24.9.1923)