Suite d-Moll, HWV 437 | Kammermusikführer - Villa Musica Rheinland-Pfalz

Georg Friedrich Händel

Suite d-Moll, HWV 437

Suite d-Moll, HWV 437

Besetzung:

Werkverzeichnisnummer:

Satzbezeichnung

Prélude
Allemande
Courante
Sarabande (mit 2 Variationen)
Gigue

Erläuterung

Über den Cembalisten Georg Friedrich Händel schrieb sein erster Biograph John Mainwaring im Jahre 1761 folgendes: „Händel besaß etwas Glänzendes und Funkelndes im Spielen, bei erstaunlicher Fertigkeit der Finger. Was ihn aber von allen anderen förmlich unterschied, war die entsetzliche Vollstimmigkeit und nachdrückliche Stärke, die er dabei bewies. Diese Anmerkung kann auch bei Betrachtung seiner Komposition ihre Gültigkeit haben, mit eben dem Rechte, als in Ansehung des Spielens.“ Von der Heftigkeit des Händelschen Anschlags legten die Tasten seines Ruckers-Cembalos beredtes Zeugnis ab: Als nach seinem Tod 1759 die Nachlassverwalter das wertvolle Instrument begutachteten, entdeckten sie auf den Tasten „Mulden so groß wie Löffelköpfe“. Mit solcher Gewalt hatte der Meister zeitlebens die Tasten des „Kielflügels“ traktiert.

Händels Virtuosität muss in seinen Jugendjahren überwältigend gewesen sein – und zwar so atemberaubend, dass die abergläubischen Römer, als sie ihn im Januar 1707 zum ersten Mal spielen hörten, an Hexerei glaubten und meinten, der Lutheraner aus Halle sei mit dem Teufel im Bunde. Erzählt hat diese Geschichte ein hugenottischer Kaufmann aus Hanau, der zufällig zugegen war, als sich die Szene um Händels angeblichen „Zauberhut“ abspielte: Kaum war Händel in Rom angekommen, ergriff er die erstbeste Gelegenheit, sich im Hauskonzert zweier berühmter Kastraten vorzustellen, bei dem fast alle bedeutenden Musiker der Ewigen Stadt zu Gast waren. Wie zufällig stellte er sich ans Cembalo und begann im Stehen, den Dreispitz lässig unter den Arm geklemmt, zu spielen. Die Römer trauten ihren Ohren nicht und dachten – abergläubisch, wie sie waren – an Zauberei. Denn schließlich war dieser junge Deutsche ein Lutheraner und spielte so verteufelt gut, dass der mit dem Leibhaftigen im Bunde stehen musste. Sie hatten auch schon gleich das Corpus delicti ausgemacht: Der Hut, den Händel so auffällig unter dem Arm eingeklemmt hatte, musste verzaubert sein. Ihr Gerede wurde von einem hugenottischen Kaufmann aus Hanau belauscht. Er verstand das italienische Getuschel der Römer, trat zu Händel und erzählte diesem auf Deutsch, was hinter seinem Rücken gemunkelt wurde. Sofort ließ Händel den angeblich verzauberten Hut fallen, setzte sich ans Cembalo und begann nun erst richtig zu spielen. Von diesem Moment an war seine Karriere in Rom gemacht.

Auch Domenico Scarlatti, der mit Händel gleichaltrige Cembalovirtuose aus Neapel, soll sich jedes Mal bekreuzigt haben, wenn er Händel am Cembalo antraf. Als die Beiden einmal im venezianischen Karneval maskiert aufeinander trafen und Händel sich verkleidet ans Cembalo setzte, bekreuzigte sich Scarlatti wieder einmal und rief aus: „Das kann nur der Sachse oder der Leibhaftige sein!“ Händels Spitzname in Italien war „der Sachse“, „il Sássone“ (mit Betonung auf der ersten Silbe!).

Aus jenen Jahren des jugendlichen Ungestüms am Cembalo stammt die d-Moll-Suite HWV 437. Obwohl sie erst 1733 im zweiten Band der Händelschen Suiten publiziert wurde, stammt sie vermutlich schon aus den Hamburger Jahren des Meisters. Darauf deuten bestimmte harmonische Wendungen, die Händel nur in seiner allerersten Oper, der Hamburger Almira von 1705, verwendet und während seiner Jahre in Italien allmählich abgestreift hat. Obwohl sein Londoner Verleger John Walsh die Suite nur mit den vier Tanzsätzen abdruckte, ist sie in allen anderen Quellen mit einem virtuosen Prélude überliefert. Dessen schweifende Sechzehntel-Fiorituren belegen das „Glänzende und Funkelnde“ in Händels Spiel ebenso eindrucksvoll wie die wirbelnden Triolen der abschließenden Gigue. Die Allemande ist eine jener typisch Händelschen „unendlichen Melodien“, die sich über einem gehenden Bass zwanglos singend entfalten. In der Courante wird die melodische Linie der Allemande vom Vierer- in den Dreiertakt versetzt und den Rhythmen des schnelleren Tanzes angepasst.

Hauptsatz und berühmtestes Thema der gesamten Suite ist die Sarabande, Inbegriff des Händelschen Pathos, der „entsetzlichen Vollstimmigkeit und Stärke“. An das Thema im strengen Sarabandenrhythmus schließen sich zwei Variationen an. Als der englische Filmemacher Tony Palmer zum 300. Geburtstag des Meisters 1985 seinen hoch ironischen Händelfilm God rot Tunbridge Wells drehte, entschied er sich für diese d-Moll-Sarabande als eines seiner musikalischen Hauptmotive.