Streichtrio d-Moll KV 404a Nr. 1 | Kammermusikführer - Villa Musica Rheinland-Pfalz

Wolfgang Amadeus Mozart

Streichtrio d-Moll KV 404a Nr. 1

Streichtrio d-Moll KV 404a Nr. 1 für Violine, Viola und Violoncello

Besetzung:

Werkverzeichnisnummer:

Satzbezeichnung

Adagio und Fuge

Erläuterung

Hektische Betriebsamkeit herrschte während der Fastenzeit 1783 in der Wiener Wohnung der Familie Mozart. Die jungen Eheleute freuten sich auf die Geburt ihres ersten Kindes, mit der sie im Juni rechnen durften. Wolfgang glänzte in drei neuen Klavierkonzerten KV 413 bis 415, schrieb für seine Schwägerin Aloysia Lange eine fürchterlich schwere Konzertarie (KV 416) und für eine adlige Gönnerin einen „Bardengesang“ über die Eroberung von Gibraltar durch die Engländer. Seine Auftragslage in jenen Monaten war so gut, dass er es sich leisten konnte, einen Auftrag der kaiserlichen Opernintendanz auszuschlagen, nämlich für eine „Comoedie mit Arietten, betittelt Welche ist die beste Nation?“ Werktags unterrichtete er bis 14 Uhr diverse Damen der Wiener Gesellschaft am Klavier. Am Sonntagmorgen feierte er die Heilige Messe und fand sich anschließend gegen 12 Uhr beim Baron van Swieten ein, um in einem Zirkel von Kennern zwei Stunden lang Kirchenmusik durchzusingen und Fugen zu studieren.

„Ich gehe alle Sonntage um 12 uhr zum Baron van Suiten – da wird nichts gespiellt als Bach und Händel,“ hatte Mozart schon am 10. April 1782 dem Vater berichtet. Der erlauchte Baron, Sohn des Leibarztes von Maria Theresia und Präfekt der Kaiserlichen Hofbibliothek, hatte „am Werthe einen sehr grossen – an der zahl aber freylich sehr kleinen schatz von guter Musik“. Dazu gehörten Bachische Werke selbstverständlich hinzu, seit der Baron als kaiserlicher Botschafter am preußischen Hof mit Carl Philipp Emanuel Bach in engeren Kontakt getreten war. Dies brachte nun auch Mozart in die glückliche Lange, sich „eine Collection von den bachischen fugen“ anzufertigen, und zwar „so wohl sebastian als Emanuel und friedemann Bach, dann auch von den händlischen“.

Ihren Niederschlag fanden diese Fugenstudien in Streichtrio-Bearbeitungen, die er anfertigte und teilweise mit eigenen Einleitungen versah. Sie sind offenbar für den Musikkreis des Barons van Swieten entstanden, dessen „Grundlage ein Streichtrio bildete“ (Reinhold Bernhardt). Das pure Durchspielen am Fortepiano reichte den Wiener Kennern nicht aus. Sie wollten die Fugen im Streichersatz hören, um die Stimmführung besser verfolgen zu können. Zur feierlichen Einstimmung auf die Fuge diente jeweils ein Adagio. Für zwei der sechs Streichtrios KV 404a holte sich Mozart diese langsamen Sätze aus den Orgeltriosonaten Bachs. In vier Fällen hat er die Einleitungen selbst komponiert – analog zum späteren Adagio und Fuge für Streichquartett KV 546.

Adagio und Fuge d-Moll, KV 404a Nr. 1

Nr. 1 Adagio und Fuge d-Moll: Zur Einstimmung auf die erste Bachfuge schrieb Mozart ein hoch bedeutendes d-Moll-Adagio von 41 Takten. Sein rhythmisch gezacktes Thema in der Geige wird von Bratsche und Cello mit einem Trillermotiv beantwortet. Der weiche Sechsachteltakt eines „Siciliano“ wird hier durch Staccati und punktierten Rhythmen eher ins Bizarre verkehrt. Das Geigenthema wird nach f-Moll versetzt, macht dann einem chromatisch weichen F-Dur-Gedanken Platz, der sich aber rasch zu dramatischem Fortissimo steigert. Der ganze Satz wirkt wie ein theatralischer Dialog zwischen dem abweisenden, unerbittlichen Forte und dem weich flehenden Piano. Damit hat Mozart den Boden für eine Bachfuge bereitet, die man von jeher als besonders tiefgründig empfand: die dis-Moll-Fuge aus dem ersten Teil des „Wohltemperirten Claviers“, BWV 853. Von der unbequemen Tonart mit sechs Kreuzen versetzte sie Mozart um einen Halbton tiefer ins leicht spielbare d-Moll, übertrug die drei Stimmen vom „Clavier“ auf die Streicher, ließ sie aber unbezeichnet, was Artikulation und Dynamik betrifft. In flächig erhabener Manier sollte jenes Fugenthema erklingen, das Bach aus Luthers Choral Aus tiefer Not schrei ich zu dir abgeleitet hat.