Quartett d-Moll | Kammermusikführer - Villa Musica Rheinland-Pfalz

Johann Friedrich Fasch

Quartett d-Moll

Quartett d-Moll für Streichquartett

Besetzung:

Werkverzeichnisnummer:

Besetzung

Violine I
Violine II
Viola
Violoncello

Satzbezeichnung

Largo
Allegro
Largo
Allegro

Erläuterung

An vielen Höfen Deutschlands schätzte man die Triosonaten und Quartette des Zerbster Hofkapellmeisters Johann Friedrich Fasch wie die kaum eines anderen Komponisten der Zeit. Nur die Trios und Quadros von Georg Philipp Telemann wurden noch häufiger kopiert und aufgeführt. Neben der schieren Qualität von Faschs Musik gab es auch regionale Gründe für die Popularität gerade dieses Komponisten an so vielen Höfen zwischen Darmstadt und Dresden: Thüringische Musiker, die dort wirkten, machten die Musik ihres Landsmanns populär.

Bereits im Hause seines Vaters, des lutherischen Schulrektors in Suhl, hatte Fasch die Grundfesten der Musik erlernt. Das Genie des Knaben wurde – wie beim drei Jahre älteren Händel – von Herzog Johann Georg von Sachsen-Weißenfels entdeckt und entscheidend gefördert. Der Herzog zog den Zwölfjährigen als Sopranisten an seinen Hof, doch schon 1701 wechselte Fasch an die Leipziger Thomasschule, wo Christoph Graupner als Chorpräfekt und Johann Kuhnau als Thomaskantor wirkten. Die entscheidenden Anregungen verdankte der Thomasschüler freilich einem rührigen Studenten an der Leipziger Universität: Georg Philipp Telemann, dessen Werke er sich zum Vorbild nahm.

Zu Graupner, seinem Präfekten an der Thomasschule, unterhielt Fasch eine lebenslange freundschaftliche Verbindung: Als dieser Vizekapellmeister in Darmstadt wurde, besuchte er ihn 1714, um sich bei ihm in der Komposition zu vervollkommnen. Mit Kuhnau dagegen kam es zum Bruch wegen der Kirchenmusik an der Paulinerkirche, Leipzigs Universitätskirche. Nachdem Fasch als Student der Rechte mit Kommilitonen 1708 sein eigenes Collegium musicum gegründet hatte, zog er die Musik an der Universitätskirche gegen den Widerstand seines Lehrers an sich. Durch seine Konzertreihe im Lehmannschen Kaffeehaus konkurrierte Faschs Collegium musicum freundschaftlich mit dem zweiten, von Telemann gegründeten, das später Bach übernehmen sollte. Die reiche Bandbreite an Instrumenten und die erzmusikalischen Studenten der Leipziger Alma mater ermunterten Fasch schon damals, mit den Möglichkeiten der Kammermusik zu experimentieren.

Dieses Erproben von Besetzungen und Formen konnte er noch vertiefen, als er von Sachsen nach Böhmen und aus dem städtischen Milieu an den Musenhof eines Barockfürsten wechselte. Sein Dienstherr war jener Graf Morzin, dem Vivaldi später seine Vier Jahreszeiten widmen sollte. Das erlesene Musizieren höfischer Cammermusici – die eigentliche Quelle unseren heutigen Begriffs „Kammermusik“ – wurde für Fasch zum Lebenselixier. Als er 1722 von Böhmen ins anhaltische Zerbst berufen wurde, trat er an einem der musikalisch rührigsten Höfe Mitteldeutschlands eine Lebensstellung an.

Die Teilung des Anhaltischen Hauses in vier gleichberechtigte Fürstenhöfe zu Zerbst, Bernburg, Dessau und Köthen trug reiche kulturelle Früchte. Kaum 30 km voneinander entfernt, in unmittelbarer Nachbarschaft und direkter Konkurrenz formten Fasch und Bach die Hofkapellen ihrer anhaltischen Fürsten in Köthen und Zerbst zu Eliteensembles des damaligen Deutschland. Die Cammermusici, die ihnen ihre Dienstherren zur Verfügung stellten, kamen aus Berlin und Leipzig in die Provinz und musizierten dort auf einem Niveau, wie man es sonst nur von den großen Hofkapellen in Dresden, München oder Hannover gewohnt war.

Zeugnis dieses höfischen Musizierens ist auch das d-Moll-Quartett unseres Programms. Als Meister des Quartettgenres mit drei obligaten Instrumenten über dem Basso continuo wurde Fasch von vielen Zeitgenossen gerühmt. Tatsächlich agieren in unserem d-Moll-Quadro die beiden Violinen und die Bratsche so selbstbewusst und in so dichtem Dialog, dass mit dem Bass ein höchst kunstvoller vierstimmiger Satz entsteht. Man kann dieses spätbarocke „Streicherquadro“ durchaus als Vorbote des Streichquartetts deuten, freilich noch mit Cembalo, worauf die Quartettspieler in Italien und Österreich alsbald verzichten sollten.

Das einleitende Largo beginnt mit dichten Imitationen über ein Thema von barocker Schwere. Dreimal bleiben Geigen und Bratsche für einen Takt unter sich, losgelöst vom Bass. Das Sechzehntelmotiv, das sie an diesen Stellen spielen, erinnert auffallend an eine Passage aus Bachs Choralchorsatz O Mensch, bewein dein Sünde groß, den der Thomaskantor wohl schon 1717 komponiert hat. Es ist durchaus möglich, dass Bach als Konzertmeister der Weimarer Hofkapelle dieses d-Moll-Quadro von Fasch vor 1717 selbst musiziert hat und das kleine Motiv aus dem ersten Satz in seine Gothaer Passion von 1717 übernahm. Von dort ist es dann in die Matthäuspassion gewandert – auf dem Umweg über die Zweitfassung der Johannespassion von 1725.

Zurück zum d-Moll-Quadro von Fasch: Im zweiten Satz wird ein polnisch angehauchtes Thema fugenartig durch die drei Oberstimmen geführt – über dem nimmermüden „gehenden Bass“ des Continuo. Rauschende Sechzehntel unterbrechen den fugenartigen Gang der Ereignisse. Der dritte Satz wird von pathetischen punktierten Rhythmen bestimmt, wobei der Continuo alle vier Takte aussetzt, um die Oberstimmen alleine zu lassen – ein ebenso simpler wie wirkungsvoller Klangeffekt. Auch im Finale hat Fasch von diesem Mittel Gebrauch gemacht: Dem dicht gearbeiteten Tutti mit Continuo stehen Trios ohne Bass gegenüber. Besonders in Letzteren ist die Bratsche gefordert, die hier an Sechzehntelbeweglichkeit mit den Geigen konkurrieren darf – in einem Satz, dem Synkopen und tänzerischer Rhythmus den Stempel aufdrücken.