Flötenkonzert Nr. 2 e-Moll op. 57 | Kammermusikführer - Villa Musica Rheinland-Pfalz

Saverio Mercadante

Flötenkonzert Nr. 2 e-Moll op. 57

Flötenkonzert Nr. 2 e-Moll op. 57

Besetzung:

Werkverzeichnisnummer:

Satzbezeichnung

Allegro maestoso
Largo
Rondò Russo. Allegro vivace scherzando

Erläuterung

Vom Padua des 18. Jahrhunderts führt uns das e-Moll-Flötenkonzert des Saverio Mercadante ins Neapel des frühen 19. Jahrhunderts. Nach der Niederschlagung Napoleons, der seinen Marschall Murat zum König von Neapel eingesetzt hatte, kehrten die Bourbonen-Könige an den Golf zurück und führten dort ein strenges Regiment. Entsprechend mächtig waren die Militärs wie jener „Cavaliere D. Francesco Marsiglia, Tenente Collonello nel Real Corpo di Artiglieria“, dem Mercadante einige seiner virtuosesten Flötenwerke widmete, darunter auch das e-Moll-Konzert. Offenbar hatte der Adlige als Oberstleutnant der königlichen Artillerie genügend Zeit, auf seiner Flöte die schwersten Passagen zu üben, wie sie Mercadante effektvoll über sein e-Moll-Konzert ausgestreut hat.

In einem großen Musiklexikon unserer Zeit wird Mercadante als „der bedeutendste jener italienischen Komponisten“ bezeichnet, „die Zeitgenossen von Donizetti, Bellini und Verdi waren, deren Werke aber nicht mehr im Repertoire sind“. Etwas genauer könnte man sagen: Mercadante war ein Zeitgenosse von Rossini, ohne so berühmt zu werden wie der „Schwan von Pesaro“. Er wurde zum Vorbild für Bellini und Donizetti, ohne auch nur mit einem Repertoirestück die großen Bühnen Europas zu erobern. Und er konnte als alternder Maestro noch den Aufstieg Verdis miterleben. Kaum kennt man auch nur eine seiner 60 Opern mit Namen, obwohl sie alle musiktheatralischen Trends zwischen 1820 und 1860 widerspiegeln, von der späten Opera seria über typische Werke der Rossini-Zeit bis hin zu dezidierten „Reformopern“, in denen er schon Verdi den Weg bereitete. Trotz seiner unbestreitbaren Verdienste als Opernkomponist und trotz seiner anrührenden Kirchenmusik (etwa „Die sieben letzten Worte unsers Erlösers am Kreuz“ von 1841) ist Mercadante heute fast nur noch durch Instrumentalwerke im Musikleben präsent wie besonders durch das e-Moll-Flötenkonzert. Große Flötisten des 20. Jahrhunderts wie James Galway oder Jean-Pierre Rampal spielten es gerne und häufig als virtuoses Paradestück.

Die Flöte nimmt im Schaffen Mercadantes einen Logenplatz ein. Sechs Flötenkonzerte, ein rundes Dutzend Quartette für Flöte und Streicher, zahllose Fantasien für Soloflöte, Duette für zwei und Terzette für drei Flöten schrieb er nicht etwa für die Flötenvirtuosen seiner Zeit, sondern für fähige Dilettanten und verdienstvolle Flötenlehrer an diversen Konservatorien. Ihre Technik auf der Mehrklappenflöte des frühen 19. Jahrhunderts muss erstaunlich gewesen sein, denn mit seinem natürlichen süditalienischen Feuer verband Mercadante die schwersten Passagen, die er auf der Flöte übrigens auch selbst beherrschte. Ganz untypisch nämlich für einen „Neapolitaner“ – er stammte eigentlich aus der Nähe von Bari, fälschte aber seine Herkunft – konzentrierte er sich bis zu einem 24. Lebensjahr ganz auf die Instrumentalmusik und aufs virtuose Instrumentalspiel, vor allem auf der Flöte. Er war Schüler von Zingarelli an einem der neapolitanischen Konservatorien. Nachdem Rossini eines seiner frühen Stücke gehört hatte, schrieb er begeistert an Zingarelli: „Mein Kompliment – Ihr Schüler Mercadante fängt da an, wo wir aufgehört haben!“

Das e-Moll-Konzert entstand 1819, als Mercadante 24 war, und legt von seiner frühen Begabung hinreichendes Zeugnis ab, etwa im Hauptthema des ersten Satzes: Auf pathetische punktierte Rhythmen folgt eine sehnsüchtige Geigenmelodie – der traurige Gesang einer Primadonna, wie geschaffen für die Flöte. Nach rauschenden Sechzehnteln stimmen die Streicher das nicht minder opernhafte zweite Thema an. Auf der Opernbühne hätte Mercadante daraus zwei umjubelte Arien machen können, im Konzert aber ist es die Flöte, die nach ihrem Auftritt auf der „Bühne“ die beiden schönen Streicherthemen aufgreift. Dazwischen reiht sie Sechzehntelpassagen wie an Perlenschnüren auf, eingebettet in die ausladende Sonatenform eines Konzertsatzes der Schubertzeit.

Den langsamen Mittelsatz eröffnen die Streicher im pathetischen Opernstil mit massiven Moll-Akkorden – gleichsam der schwere Samtvorhang, der sich vor dem Auftritt der Primadonna alias Flöte lüftet. In süßlichem Dur, in hoher Lage stimmt sie ihre wehmütige Weise an, eine Art Cavatina – mit allem was dazugehört.

Das Rondofinale ist der wirkungsvollste Satz des Konzerts, dank seines eingängigen Themas. „Tema Russo“, „Russisches Thema“ schrieb Mercadante darüber. Tatsächlich hat er hier eine russische Volksweise zitiert, wie es etwa auch Beethoven in seinen Streichquartetten Opus 59 getan hat. Im Zuge der Napoleonischen Kriege betrat Russland wieder mit Nachdruck die europäische Bühne. Alles Russische wurde modisch, so auch der raue Charme russischer Tanzweisen. Eine der schönsten hat Mercadante aufgegriffen, begleitet von den Akkorden einer Balalaika oder Domra, wie sie die Streicher nachahmen. Zwischen den diversen Reprisen des russischen Themas darf der Flötist in halsbrecherischen Triolenpassagen brillieren.