Zweites Streichquartett | Kammermusikführer - Villa Musica Rheinland-Pfalz

Charles Ives

Zweites Streichquartett

Zweites Streichquartett (String Quartet for 4 men)

Besetzung:

Werkverzeichnisnummer:

Satzbezeichnung

Discussions. Andante moderato – Adagio molto
Arguments. Allegro con spirito
The Call of the Mountains. Adagio – Andante – Adagio

Erläuterung

Charles Ives, der Nestor der Neuen Musik Nordamerikas, war Komponist nur im Nebenberuf: Im bürgerlichen Leben war er als Versicherungsagent tätig, der nur am Feierabend und an den Wochenenden Zeit zum Komponieren fand. Dabei hatte der in Danbury, Connecticut, geborene Charles schon von seinem Vater, einem ehemaligen Bandmaster in der Nordstaaten-Armee, eine gründliche musikalische Ausbildung erhalten. Von ihm erbte er auch die Neigung zum Experimentieren, z. B. mit Collagetechniken und Polytonalität, die seine Musik auszeichnen.

Mit 12 Jahren begann der junge Charles zu komponieren und in der Band seines Vaters Schlagzeug zu spielen , mit 14 war er der jüngste bezahlte Organist im Bundesstaat. Sein Studium an der Yale University 1894-98 brachte ihn in Kontakt mit der akademischen Musiktheorie, die er rundheraus ablehnte. An den Tadel seines alten Professors Horatio Parker, „Ives, müssen sie denn alle Tonarten gleichzeitig benutzen?“ erinnerte sich noch der 75-Jährige mit Stolz und Begeisterung. Aus dieser Haltung des frühen Experimentellen ist auch sein zweites Streichquartett zu verstehen.

„Mein zweites Streichquartett ist eines der besten Stücke, die ich habe, aber die alten Damen (männliche wie weibliche) mögen es nicht, nirgends. Es macht sie verrückt.“ Mit diesem lakonischen Kommentar reagierte Ives in seinen Memoiren auf den Misserfolg seines zweiten Quartetts. Mehr als drei Jahrzehnte hatte er auf die Uraufführung warten müssen, doch selbst im Amerika der Nachkriegsjahre war die Zeit noch nicht reif für ein so provokantes Werk. Die Uraufführung fand wenige Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Mai 1946 in New York City statt, gespielt vom Juilliard Quartet. Entstanden war das Werk aber bereits vor dem Ersten Weltkrieg, in den Jahren 1911 bis 1913.

Auslöser für die Komposition war das Unbehagen ihres Autors an der Betulichkeit damaliger Quartettabende. Er besuchte in New York regelmäßig die Konzerte des Kneisel Quartet in der Old Mendelssohn Hall an der 40. Straße: „Es kam plötzlich über mich – speziell wenn ich von diesen Quartettabenden zurückkehrte –, dass Musik eine viel zu entmännlichte Kunstform ist. Viel zu viel von dem, was man üblicherweise spielte und was man für schön hielt, die immer gleichen Vibrationen und die erlesenen Schürzenbänder, machten sie abhängig vom Geschmack der alten Damen. Die Musik für Streichquartett klang mehr und mehr abgedroschen, schwach und verweiblicht. Nach einem dieser Quartettabende des Kneisel Quartet in der Old Mendelssohn Hall begann ich mit der Partitur eines eigenen Streichquartetts, halb aus Wut, halb aus Spaß. Ich wollte etwas ausprobieren, mich üben, Spaß dabei haben, wie ich diese männlichen Fiedler in wahre Männer verwandelte: Sie sollten aufstehen und etwas wie richtige Männer tun.“

Zu diesem Zweck griff Ives den Topos vom Streichquartett als „Gespräch unter vier vernünftigen Leuten“ auf, wie ihn Goethe im Sinne der Aufklärung geprägt hatte. Im Untertitel seines zweiten Quartetts deutete Ives diesen Topos in typisch amerikanischer Weise um: „Streichquartett für vier Männer, die sich unterhalten, diskutieren, argumentieren (Politik, Kampf, ‚Shake Hands’ und Ende der Diskussion), und dann auf einen Berg steigen, um das Firmament zu betrachten.“ Der Untertitel String Quartet for 4 men meint also nicht etwa ein Streichquartett, das nur von Männern gespielt werden darf, sondern bezieht sich auf jenes Männlichkeitsideal in der Musik, auf die kraftvolle Diskussion unter vier „gestandenen“ Männern, versinnbildlicht durch die vier Instrumente. Diesem Programm entsprechen die unkonventionellen Bezeichnungen der drei Sätze:

Diskussionen
Argumente
Der Ruf der Berge

Der erste Satz hat den Charakter eines Andante, das in ein Adagio molto mündet: Beginn der ernsthaften Diskussion, wobei die Dissonanzen und Reibungen für den männlich kraftvollen Diskurs stehen. Im Mittelsatz wird er hitziger: Die Argumente gehen in einem Allegro con spirito rasch hin und her, bevor es zum versöhnlichen Handschlag der Kontrahenten kommt. Gemeinsam ziehen sie auf einen Berg, um in der Transzendenz des Naturerlebnisses ihren Zwist zu begraben. In diesem Sinne fungiert der dritte Satz als erhabenes Adagio-Finale. „Der Schluss dieses Streichquartetts gehört zum Größten, was Ives geschrieben hat, wahrhaft überwältigende Musik und ein weiteres Beispiel für seinen romantischen Transzendentalismus.“ (Scott Mortensen)

Wie so oft hat Ives in allen drei Sätzen „Tunes“ verarbeitet, populäre Hymnen und nationale Lieder aus dem Nordosten und den Südstaaten Amerikas. Im ersten Satz sind es die Lieder „Columbia, Gem of the Ocean“, Dixie’s Land, Marching Through Georgia und Turkey in the Straw. Im zweiten Satz klingen neben Zitaten aus diesen Liedern auch kurze Passagen aus drei berühmten klassisch-romantischen Sinfonien an: das Finale von Beethovens Neunter, der erste Satz der Zweiten von Brahms und das Scherzo aus der Pathétique von Tschaikowsky. Im Finale hat Ives auf die Hymnen Bethany, Nettleton und Westminster Chimes zurückgegriffen.